Skip to content →

„Auf die Hand“: Lässig essen mit Stevan Paul

Stevan Paul ist halt Profi. Koch-Profi, Schreib-Profi, Service-Profi. Und so diktiert er dem geneigten Rezensenten die Quintessenz seines neuen Buches mal rasch selbst in den Block Blog. „Bei ihm ging es eben noch nie nur ums Essen. Es geht um Kultur. Um Musik, um Menschen und um Freundschaft.“ Schreibt er, natürlich nicht über sich selbst, auf Seite 221. Ich hab‘ mir das Buch mal genauer angeschaut: Achtung, fertig, „Auf die Hand“!

adh_cover
Dazu gibt’s erst mal einen kleinen Abstecher nach Stars Hollow, Connecticut: Ich bin ja bekennender Fan der „Gilmore Girls“. Ich mag die rasanten Wortwechsel, die die Serienmacher den „Girls“ ins Drehbuch geschrieben haben. Neben der völlig verkorksten Beziehung zu den anstrengenden Eltern Schrägstrich Großeltern, mit denen sie Lorelai und Rory bedenken – der Dauerzwist ist Haupt-Generator unzähliger Dramen und Verwicklungen -, verordnen sie ihnen eine höchst eigenwillige Diät. Fast beiläufig wird das Thema Essen so zu einem roten Faden, der sich durch die sieben Staffeln schlängelt. Koch-Nieten-Bekenntnisse und Traumfiguren der Protagonistinnen mal beiseite: Essen ist die Baseline ihres Serien-Alltags.

Wie Billardkugeln zischen Lorelai und Rory zwischen den Banden unterschiedlichster kulinarischer Auswüchse hin und her. Sie reüssieren als Bestell-Queens bei Pizza-Service und Chinaman, kippen sich, allein zu Haus, schon mal Dressing aus der Flasche in einen Fertig-Salat-Mix, den sie (ja, das DÜRFT ihr eklig finden!) direkt aus der Plastiktüte gabeln – und speisen bei Lorelais Eltern erlesene Köstlichkeiten in holzgetäfelter Gediegenheit und unterkühlter Atmosphäre. Zwischendurch lassen sie sich von Chefköchin Sookie mit allerhand Häppchen und Cookies verwöhnen. Natürlich bleiben sie bei all dem super-schlank, was letztlich nur an der mehrere Liter umfassenden Kaffee-Dosis liegen kann, die sie sich ebenfalls täglich zuführen. Einen guten Teil davon tanken sie in „Luke’s Diner“ – und dort, bei Luke, ist der wahre kulinarische Heimathafen der beiden freudigen Esserinnen. Luke serviert Burger, Pommes, Bagels, Rühreier, Pancakes, Hot Dogs, Sandwiches – Essen der bodenständig-herzhaften Sorte. Und eine große Portion grummelnde, aber verlässliche Freundschaft gibt’s gratis dazu. Langer VorRede kurzer Sinn: Ich wette, Luke ist Schuld daran, dass dieses Bar- und Streetfood für mich echte Wohlfühlqualitäten entwickelt hat. Kein Wunder, das Stevan Paul bei mir leichtes Spiel hatte.

Chiliburger
Heiße Sache: Chili-Burger mit Bun aus „Wunderteig“

Stevan Paul hat also ein Streetfood-Buch aufgelegt. „Auf die Hand“ heißt es, ist im Brandstätter-Verlag erschienen, und wer es aufschlägt, dem öffnet sich der Blick auf eine im Tafel-Stil gestaltete Speisekarte: Klassiker, Burger, Toasts & Sandwiches, Hot Dogs, Abendbrot & Imbiss  – willkommen in Stevan’s Diner!

Stevan Paul hat sich in den Großstädten des Landes umgesehen und Köche gefunden, denen es ein Herzensanliegen ist, ihren Gästen gutes Essen zu servieren, ohne dass sie scharf auf Michelin-Sterne wären. Er besucht und porträtiert Menschen, die Imbisse, Stände, Foodtrucks betreiben. Und die Qualität im Alltag bieten. In einem für viele schnelllebigen und hektischen Alltag, in dem bei der Nahrungsaufnahme oft nur Zeit für einen Snack auf die Hand bleibt.

Gurken- und Lachssandwiches
Der Five O’Clock Tea ist serviert: edle Gurken- und Lachs-Sandwiches

Und hier lauert eine kleine Falle: Wer denkt, die Gerichte in „Auf die Hand“ wären allesamt ratzfatz zubereitet, der täuscht sich. Natürlich gibt’s darin schnelle Nummern, und dem Eiligen bietet sich auch die eine oder andere Abkürzung. Aber wer den Toast für sein Clubsandwich oder das Brötchen für seinen Hot Dog selbst backen will, der braucht schon ein bisschen Zeit. Die aber auf jeden Fall bestens investiert ist. Buns, Rolls und Toastbrot aus dem „Wunderteig“, der sich im Buch findet, gelingen hervorragend und schlagen die gekauften Varianten geschmacklich um Längen. Wenn ich ein Lieblingsrezept aus „Auf die Hand“ wählen sollte, dann wäre es der „Wunderteig“.

Ausnehmend gut gefällt mir auch das Kapitel „Drunter, drüber, drauf, dazu!“. Hier gibt es Rezepte für selbst gemachte Mayonnaisen und Saucen wie Sambal Oelek und Ajvar ebenso wie Ideen für Salate und eingelegtes Gemüse, die sich prima als Begleiter zu Burger & Co. machen.

adh_asiatische_radieschen
Asia-Radieschen als knackige Begleitung zu Burger & Co.

Die klassischen Snacks wie BLT und Philly Cheese Steak finden sich ebenso in dem 190 Seiten starken Buch wie ein ausgefallenerer Burger „Shiso Style“ mit nur leicht angegartem Thunfisch-Pattie oder auch Gua Bao: geschmorter Schweinebauch nach taiwanesischem Vorbild. Okay, Fleischesser kommen in „Auf die Hand“ deutlich besser auf ihre Kalorien Kosten als Vegetarier. Und zugegeben: Für ein Mettbrötchen hätte es nicht wirklich ein Rezept gebraucht. Aber schließlich geht es hier auch darum, die ganze Bandbreite der Streetfood-Kultur zu dokumentieren. Und dazu tragen die atmosphärisch geschriebenen kleinen Reportagen aus Foodtrucks, Garküchen und Supper Clubs ebenso bei wie die Porträts der Menschen, die hinter diesen Unternehmen stehen. Eine kleine Geschichte der Streetfood-Kultur und Beiträge zur Entstehung von Kultgerichten wie Currywurst oder Toast Hawaii komplettieren den Band.

adh_bananen_erdnusstoast
Schaurig-schöne Leckerei: Bananen-Erdnussbutter-Sandwich à la Elvis

„Auf die Hand“ ist außerdem wirklich schick gestaltet. Tolle, großformatige Fotos von Daniela Haug und auch das schöne Papier laden zum Blättern  ein. Und wer das tut, dem wird sehr schnell klar, dass hier nicht ein Autor mal rasch auf den Streetfood-Trend-Zug aufgesprungen ist. Vielmehr ist auf jeder Seite zu spüren, dass Stevan Paul – Profi hin oder her – ganz viel Herzblut in dieses Buch gesteckt hat. Nicht zuletzt das macht „Auf die Hand“ so sympathisch.

Published in Uncategorized

8 Comments

  1. Marianne Schwarzer

    Marianne Schwarzer

    Obwohl gerade der Kuchen im Ofen ist, hat mir das Lesen echt das Wasser buchstäbliclh im Munde zusammenlaufen lassen. Das ist wirklich wundervoll geschrieben und macht Lust auf dieses Buch. Und was ich von den Gilmore Girls halte, weißt Du ja… Sehr schön!

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Sehr gut, das war der Plan. 😉 Ich bringe dir das Buch die Tage mal mit, dann kannst du gucken, ob es was für dich wäre. Kuchen klingt aber auch gut…. – Und: Ja, ich weiß genau, was du von den „Gilmore Girls“ hältst! 😀

  2. Das war ja mal eine wunderschöne Rezension! ,-)

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Merci! Ist ja auch ein wunderschönes Buch… 🙂

  3. Dem kann ich nur zustimmen. Tolles Buch, toller Autor, Pflichtlektüre ;-).
    Viele Grüße, Claudia

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Yep! Hej, und du warst bei der Buchvorstellung in Köln (gerade mal auf deinem Blog gespinxt…) – muss ja sehr Klasse gewesen sein! 🙂

  4. O je, o je – langsam bin ich weichgeklopft. Gut, kommt das Buch auch mit auf die Dringend-to-Kauf-Liste … Wenn’s einem so überzeugend und unter Verwendung sämtlicher Haben-woll-Trigger (tolle Texte, Atmosphäre, gar ein Wunderteig!) angepriesen wird …

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Hehe. So soll das sein. Btw; Wie viele Kauf-Listen mit wie vielen unterschiedlichen Dringlichkeitsstufen führst du denn so? *pfeif*

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *