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Leib- und Magenlektüre mit eingelegten Birnen

Zum zweiten Mal hat Arthurs Tochter zur Aktion „Jeden Tag ein Buch“ aufgerufen. Vom 11. bis zum 17. November werden auf vielen deutschsprachigen Foodblogs Bücher rund ums Kochen, Essen und Genießen vorgestellt. Viele Kochbücher werden darunter sein, aber auch Genuss-Literatur im weitesten Sinne. Mit einem solchen Buch starte ich in die Aktionswoche.

Grafik: Ariane Bille
Alle Rechte: Ariane Bille

Sie zählt zu meiner unbedingten Leib- und Magen-Lektüre: Christine Brückners „Poenichen“-Trilogie. In den drei Bänden rollt die Autorin am Beispiel des Schicksals einer Frau und ihrer Familie ein ganzes Jahrhundert auf. Das wechselvolle 20. Jahrhundert, in dem – nicht zuletzt dank Gewalt, Grauen und Größenwahn „made in Germany“ – eine bekannte Welt nach der anderen unterging, Leben und Lebensentwürfe en gros vernichtet wurden, Weltbilder reihenweise in die Brüche gingen.

Maximiliane von Quindt, die Heldin der drei Romane, wird am 8. August 1918 auf dem Rittergut Poenichen in Hinterpommern geboren. Ihr Vater fällt in diesen letzten Wochen des Ersten Weltkrieges in Frankreich, ohne seine Tochter je gesehen zu haben; auf diese warten ein weiterer Krieg, Vertreibung, Flucht und der mühsame Aufbau einer  Existenz in Westdeutschland, um sich und ihren fünf Kindern das Überleben zu sichern.

Ihre ersten 27 Jahre aber verbringt Maximiliane auf Poenichen, wächst unter den Fittichen ihres charismatischen Großvaters auf, wird eins mit dem Gut, das sie einst erben soll – was natürlich, wir wissen es, nie geschehen wird. Christine Brückner erzählt in diesem ersten Band „Jauche und Levkojen“ dicht und sinnlich vom Alltag auf dem Gut im Wandel der Jahreszeiten, zeichnet lebensnahe Protagonisten, die dem Leser rasch ans Herz wachsen – und auch die kulinarischen Genüsse spielen immer wieder eine Rolle. Auf den Tisch kommen Poenicher Wildpastete und Wruken-Eintopf, Gänsebrust und „Schwarzsauer“; alles eben, was auf den Feldern, in den Wäldern und Seen wächst. Das Gut ernährt alle, die auf und mit ihm leben – sogar später noch, als sie es längst verlassen haben. Noch viele Jahre nach der Flucht, so lässt die Autorin ihre Heldin formulieren, ist Poenichen für Maximiliane die innere Speisekammer, aus der sie lebt.

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Ich bin fünf Jahrzehnte später geboren als Maximiliane, aufgewachsen auf dem Hof meiner Familie. Keiner musste ihn verlassen, meine Eltern leben dort, meine Schwester bewirtschaftet ihn; alles ganz anders also. Und doch: Das Verwachsensein mit dem Hof, das Leben, das sich mit großer Kontinuität den wechselnden Jahreszeiten anpasst – all das ist mir sehr vertraut. Und das „Speisekammer-Gefühl“ , das kenne ich ebenfalls gut.

Christine Brückner schreibt: „Das Leben auf Poenichen ging seinen Gang, endlos die Winter, endlos die Sommer. Immer wieder blühte der Flachs, stiegen die Lerchen auf, schwangen sich rechts und links der Chausseen weiße und rosafarbene Girlanden über die ergrünten Kornfelder, wenn Ende Mai die Apfelbäume blühten. Immer wieder brach der Frühling über Pommern herein, heftig wie der Herbst, der den Sommer überrumpelt und im Sturm davonfegt. Freud und Leid wechselten auf Poenichen wie in den alten Bauernsprüchen. Bei freudigen Anlässen briet Anna Riepe einen Fisch, dann brauchte man etwas Leichtes, bei traurigen Anlässen ein Stück Wild, am besten vom Wildschwein, das schwer im Magen lag und schläfrig machte. Im Oktober zog tagelang der Duft der ,guten Luise von Vranches‘ durchs Haus: Anna Riepe legte Birnen ein, süß-sauer, gewürzt mit Nelken, Ingwer und Zimt.“

Wie so eine lebensprall gefüllte Speisekammer duftet? Probiert es aus.

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Dazu nehmt ihr 16 kleine Birnen, schält, entkernt und viertelt sie und gebt sie für zirka fünf Minuten in einen Topf mit kochendem Wasser. In einen Gewürzbeutel packt ihr ein paar Nelken, zerstoßenen Ingwer und eine zerbrochene Zimtstange. Dieser kommt mit 600 Milliliter mildem Essig (ich nehme weißen Balsamico) und 675 Gramm Zucker in einen Topf. Der Inhalt wird sanft erhitzt, bis sich der Zucker aufgelöst hat, einmal kurz aufgekocht und vom Herd genommen. Nun kommen die Birnen zum Sirup, das Ganze wird wieder aufgekocht und köchelt dann 10 bis 15 Minuten lang, bis die Birnen weich sind, aber durchaus noch etwas Biss haben. Dann holt ihr die Birnen aus dem Topf und füllt sie in Gläser. Der Sirup wird nun ein drittes Mal aufgekocht und, nachdem ihr das Gewürzsäckchen entfernt habt, gleichmäßig auf die Gläser verteilt, die sofort verschlossen werden. So halten sich die Birnen locker ein gutes halbes Jahr – einen Monat sollten sie allerdings in der Speisekammer durchziehen, ehe ihr das erste Glas öffnet.

Darum: Unbedingt ein paar Birnenschnitze mit Sirup direkt nach dem Kochen probieren! Und natürlich tiiiiief einatmen: der Duft!  🙂

Die „Poenichen“-Trilogie gibt es übrigens auch in einem Band.

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3 Comments

  1. … Nachsatz: Jetzt weiß ich auch wieder, warum ich Deinen Beitrag nicht gleich gesehen habe: Weil ich schon ein paarmal versucht habe, Dein Blog per Feed zu abonnieren, der Feedreader aber den Feed nie findet. Hmm. Vielleicht kannst Du mal nachforschen, ob das generell nicht funktioniert?

    • svanadis

      svanadis

      Die Poenicher Wildpastete, die echte, hatte ich auch im Blick. 😀 Hab‘ das mit der Rezept-Tüftelei aber so kurzfristig nicht hinbekommen – ich hatte mich erst kurz vor der Buchwoche zum Mitmachen entschlossen. Aber irgendwann probiere ich das bestimmt!

      Und dass ich dringend an der RSS-Feed-Nummer basteln muss, ist mir klar. Ist eine der vielen Baustellen hier – bin gerade anderweitig ziemlich eingebunden. Bislang kann ich nur diesen hässlichen Link hier anbieten – der sollte aber zumindest funktionieren: http://xn--schlecktre-heb.de

  2. Oh, Poenichen! Deine Rezension sehe ich gerade erst, und Poenichen gehört ebenfalls zu meiner „inneren Speisekammer“, völlig ohne persönlichen Landbezug. Willst Du Dich nicht an die Wildpastete machen, die echte ohne Pistazien und Trüffeln?! Aber die Birnen sind auch toll. Danke für das Rezept! Jetzt bin ich wirklich hin- und hergerissen, ob ich aus den gehorteten kleinen Birnen im Kühlschrank tatsächlich, wie eigentlich geplant, Pear Butter mache – oder sie nach Deinem Rezept einlege. Hmm.

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