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Die gepflegte Langeweile: „The Kinfolk Table“

Lauter junge Menschen in edel-lässiger Gewandung, die malerisch in Torbögen lehnen: Willkommen im „Kinfolk“-Universum. Die Macher des amerikanischen Lifestyle-Magazins, das sich unter den dortigen kreativen Hipstern offenbar großer Beliebtheit erfreut, haben nun auch ein Kochbuch herausgebracht: „The Kinfolk Table – Recipes for Small Gatherings“.

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Wer darin tatsächlich nach kulinarischen Impulsen für die nächste Gäste-Bewirtung Ausschau hält, muss schon recht hartnäckig auf die Suche gehen. Ja, es gibt ein paar brauchbare Ideen, aber die verstecken sich zwischen Anleitungen zu Un-Gerichten wie selbst gebrühtem Kaffee (auf der Zutatenliste stehen gemahlener Kaffee und Wasser – nee, ernsthaft?) oder Spiegelei, dessen Dotter nach persönlichem Gusto gegart und das auf dem Teller mit ein paar Scheiben Avocado angerichtet wird. Und mit Verlaub: Haferbrei, in den vor dem Servieren ein ordentlicher Löffel Erdnussbutter eingerührt wird, mag ich meinen Gästen auch nicht vorsetzen.

Ganz klar: Um die Rezepte geht es in diesem aufwändig aufgemachten und ausgestatteten, 345 Seiten starken Band nicht. „The Kinfolk Table“ – das Buch gibt es bis dato nur auf Englisch – ist kein Kochbuch im engeren Sinne. Anliegen der Macher um den „Kinfolk“-Magazin-Herausgeber Nathan Williams ist es nach eigenen Angaben, der jungen Generation Lust auf gemeinsam mit Freunden und Familie eingenommene Mahlzeiten zu machen. Mit den steifen Dinner-Einladungen von einst sollen diese „Gatherings“ explizit nichts zu tun haben, der Aufwand am Herd soll sich in Grenzen halten – es geht um die Gemeinschaft am Tisch, das Genießen in der Gruppe. Das ist zweifelsohne ein durch und durch hehrer und lobenswerter Ansatz.

Zu diesem Zweck porträtieren Williams und sein Team Angehörige der jungen kreativen Szene, die diese Idee leben. Vor allem in den Vereinigten Staaten, aber auch in Dänemark und England haben sie sich umgetan. Fotografen, Designer, Floristen, Sänger, Dichter, Stylisten – sie alle werden vorgestellt. Im Blickpunkt stehen ihre jeweiligen kulinarischen Vorlieben, ihre persönlichen Ess- und Koch-Biografien und die Geschichte ihrer kulinarischen Prägung. Und natürlich die oft ganz-, gelegentlich sogar doppelseitigen Fotografien, die in einer stillen, meditativ-malerischen Ästhetik daherkommen und aufwändig und mit viel Liebe zum Detail inszeniert sind. Wie gemalte Stillleben mit menschlichem Beiwerk wirken viele der Foto-Arbeiten. Beim ersten Blättern vermag dieses große Bilderbuch seinen Betrachtern tatsächlich eine ganze Reihe Wow-Ausrufe zu entlocken.

So weit, so … schön. Aber spätestens auf Seite 30 stellt sich eine gewisse – selbstverständlich äußerst stilvolle – Langeweile ein. Die Fotos sehen alle gleich aus. Die porträtierten Menschen wirken zunehmend austauschbar. Sie posieren in Wohnlandschaften, die allesamt im gleichen edel-reduzierten Stil eingerichtet sind und in denen kein Fransenschal, kein Käsehobel zufällig dort liegt, wo er kunstvoll drapiert wurde. Die eine Hälfte dieser Menschen lächelt wissend, die andere scheint voll und ganz im Ernst ihrer Rolle als Lifestyle-Botschafter aufzugehen. So steril und blutarm wirkt das Ambiente im Gros der Fälle, dass es schwer fällt, sich die allenthalben beschworenen, herzlich-spontanen Tischrunden in diesen Szenerien vorzustellen.

Wer tiefer in die Texte einsteigt, entdeckt zudem, dass Mr. Williams und seine Leute hier arg um den eigenen Bauchnabel herum recherchieren und schreiben: Dies ist die Frau, die die Blumen für unsere Rezept-Fotos arrangiert, dies ist unsere Fotografin, dieses Paar kümmert sich um die „Kinfolk“-Buchhaltung und -Logistik, diese Frau verziert die Cup-Cakes für unsere Food-Bilder… So geht das Seite um Seite. Und weil die „Kinfolk“-Community eine fast religiös wirkende, eingeschworene Gemeinschaft zu sein scheint, verwundert es kaum, dass Farbigkeit und Vielfalt hier Mangelware sind.

Regelrecht dankbar registriert der Betrachter in diesem politisch korrekten Einheitsbrei den Beitrag über Grandma Grace: Das Foto zeigt eine alte Lady in Kittelschürze, der Text erzählt von den Erinnerungen des Autors an zweifelhafte Genüsse wie Grandmas überlagerte Marmeladen und über die Jahre zu zähem Leder verdorrten Trockenfrüchten. Klar, dass Grandma Grace selbige als absolut köstlich deklariert. Endlich mal ein echter Mensch! Dieser Beitrag ist kein bisschen hip, hat jedoch, was dem überwiegenden Rest fehlt: Er wirkt erholsam authentisch und lebensnah.

„The Kinfolk Table“ setzt auf den schönen  Schein. Das Buch hinterlässt den Eindruck von äußerst gepflegter Langeweile, zu dem die zwar edle, aber allzu gleichförmige Ästhetik der Bilder ebenso beiträgt wie die Tatsache, dass die porträtierten Menschen aus einem arg homogenen Pool ausgewählt wurden, und das Seite um Seite wiederholte Mantra: Frische Produkte, hausgemachtes Essen und Gemeinschaft bei Tisch sind das Rezept fürs Lebensglück. Was um so bedauerlicher ist, weil an dieser These ja durchaus etwas dran ist. Und es ist auch gar nicht mal so, dass explizit missioniert oder belehrt würde. Aber angesichts der gebetsmühlenartigen Wiederholung dieses Credos würde es mich kein bisschen wundern, wenn etliche Betrachter das Buch nach endlicher Zeit in die Ecke pfefferten, um sich an der nächsten Imbissbude eine handfeste Curry-Wurst mit Pommes zu gönnen und diese in der Gesellschaft ganz normaler und nicht gnadenlos durch-ästhetisierter Menschen zu genießen.

Der Salat aus Süßkartoffeln und Apfel, den ich ausprobiert habe, war im Übrigen recht schmackhaft. Um diesen Beitrag nicht noch länger zu machen, stelle ich das Rezept in den kommenden Tagen separat ein – EDIT: und zwar hier!  🙂

Dies ist mein zweiter und letzter Beitrag zur dritten Aktionswoche „Jeden Tag ein Buch“, die Astrid von ‚“Arthurs Tochter kocht“ initiiert hat und die heute zu Ende geht.

Grafik: Ariane Bille
Grafik: Ariane Bille

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7 Comments

  1. Zuzana

    Zuzana

    Vielen Dank für deine amüsante Rezession! Ich wäre den estnischen Bildern auch schon fast verfallen.

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Freut mich, dass sie dir gefallen hat. 🙂

  2. Musste sehr schmunzeln bei dieser Rezension! Ich nehme ja auch seit einiger Zeit wahr, dass das Drumherum beim Essen (die viel beschworene Geselligkeit, die Selbstinszenierung) viel wichtiger wird als das Essen selbst. Insofern werde ich das Buch zwar nicht kaufen, aber an diesem Thema weiter herumdenken … Danke!

    • svanadis

      svanadis

      Da bin ich ja schon jetzt schwer gespannt, was heraus kommt bei deiner Denkerei…! 🙂

  3. Andreas

    Andreas

    „(…) wenn etliche Betrachter das Buch nach endlicher Zeit in die Ecke pfefferten, um sich an der nächsten Imbissbude eine handfeste Curry-Wurst mit Pommes zu gönnen und diese in der Gesellschaft ganz normaler und nicht gnadenlos durch-ästhetisierter Menschen zu genießen.“
    Toll, wir sehen uns demnächst bei Rudolph’s Rostbratwurst? Allerdings bin ich selbst ja auch ein gnadenlos durch-ästhetisierter Mensch, aber wir können uns dann ja gemeinsam die anderen Gäste anschauen (-;
    Schöner Text! Und falls du das Buch nicht mehr brauchst (wonach es aussieht…): Ich hab‘ das mit dem Kaffee kochen noch nicht so ganz raus…

    • svanadis

      svanadis

      Und ob du das bist: gna-den-los durch-ästhetisiert! Und ganz sicher schmeckt dir auch der Haferbrei mit Erdnussbutter vorzüglich, den ich dir bei deinem nächsten Besuch servieren werde. Harharharrr… 🙂

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