Skip to content →

Eine Limo aufs erste Mal

Heute gibt’s hier mal wieder Lesefutter. Lieblings-Lesefutter. „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ ist einer meiner All Time Favourites. Geschrieben hat den Raman Håkan Nesser, und der steht – ganz klar – für Krimi-Spannung. Nicht weiter erstaunlich also, dass es auch in diesem Buch einen Toten gibt samt Mordermittlung und Tätersuche. Und doch wäre es ein kleiner Etikettenschwindel, würde man die Geschichte mit dem Label „Krimi“ versehen.

limonade
„Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ ist ein Buch, das man durchaus als reinen Krimi lesen kann, aber das wäre schade – da entgeht einem nämlich das Beste. Nesser erzählt die Geschichte eines langen, warmen, schwedischen Sommers – des Sommers 1962, in dem seine Protagonisten Erik und Edmund erwachsen werden. Es ist der Sommer, in  dem die beiden 14-jährigen Jungen der Liebe begegnen – und ihrem dunklen Pendant, dem Tod. Es geht um einen Mord, der im unmittelbaren Umfeld der Jungen geschieht – und letztlich geht es auch um den Mord an ihrer Kindheit.

Es soll ein – unter den gegebenen Umständen – möglichst unbeschwerter Sommer für Erik  werden, darum schickt sein Vater den Sohn samt einem Freund auf das kleine Anwesen namens Genezareth am See Möckeln. Wie unbeschwert dieser Sommer tatsächlich werden kann, ist allerdings die Frage, denn die Umstände, mit denen sich Erik auseinandersetzen muss, sind nicht ohne. Da ist vor allem seine Mutter, die im Krankenhaus liegt und elendig an einer Krebserkrankung vor sich hin siecht. Da ist aber auch Aushilfslehrerin Ewa Kaludis, die eines Tages in der Schule auftaucht – sie sieht der Hollywood-Ikone Kim Novak zum Verwechseln ähnlich und schafft es mühelos, die Hormone der 14-Jährigen in Wallung zu bringen. Ewa Kaludis ist die Verlobte von Bertil Albertsson, genannt „Kanonen-Berra“, einem Handball-Star, von dem es heißt, er werfe so harte Bälle, dass die gegnerischen Torwarte gerne mal daran stürben. Auch sonst ist er alles andere als zimperlich – die beiden Jungen beobachten, wie Berra einen Mann grausam zusammenschlägt, und auch seine Verlobte bekommt Berras Brutalität zu spüren. Die Lage spitzt sich zu, als Erik und Edmund feststellen, dass Eriks älterer Bruder Henry – gemeinsam mit ihm verbringen sie den Sommer am See – eine Affäre mit Ewa begonnen hat. Eines Morgens liegt der Handball-Star ermordet neben seinem Auto in der Nähe von Genezareth. Und den besten Grund, ihn zu töten, scheint Eriks Bruder Henry zu haben…

Nesser beschwört in seiner Erzählung das teils magische, teils verstörende Gefühl des „ersten Mals“ und macht es hautnah spürbar. Das erste Mal so richtig und über beide Ohren verliebt. Das erste Mal einen langen Sommer auf sich selbst gestellt, völlige Freiheit, ein bisschen Tom-Sawyer- und Huckleberry-Finn-Feeling, Idylle pur und fast paradiesisch. Ein echter Spitzen-Sommer, finden die Jungs. Aber auch: Die erste Begegnung mit  brutaler Gewalt, mit dem trostlosen Warten auf den Tod eines geliebten Menschen, in dem Wissen, dass man gar nichts machen kann, nur hilflos zugucken. Und schließlich das „SCHRECKLICHE“. Erik, gefangen im Wirbel dieser Erfahrungen und Gefühle, findet oft selbst keine Worte für das, was ihm da widerfährt. Es ist alles ein bisschen zu viel, zu groß, zu fremd, zu aufregend.

Nesser erzählt die Geschichte in schlichter, bodenständiger Sprache. Und doch schreibt er so eindringlich, dass man meint, den Duft des Holzstegs in der Sommerhitze zu riechen, das regelmäßige Eintauchen der Ruder in den See zu hören. Es ist kein Buch der grellen Effekte, sondern eines, das auf versteckte Töne und Signale setzt. Nesser erzählt mit ursprünglicher, unverbrauchter Kraft. Und seinen ganz besonderen Coup hebt er sich fürs Finale auf, für den Zeitpunkt, an dem es nun mal langsam an die Auflösung des Mordfalls gehen sollte…

Ausschweifend getafelt wird nirgends in dem Buch. Und doch hat dieser Spitzen-Sommer am See ein unverkennbares Aroma – zumindest für mich: Er schmeckt nach Limonade. Die trinken Erik und Edmund alle paar Seiten, und sie passt, wie ich finde, bestens zur eigentümlichen Stimmung der Geschichte: sehr frisch, fast ein bisschen spitz im Geschmack, süß und sauer zugleich. Ganz bestimmt haben die Jungs ihre Limonade nicht selbst gemacht. Ich aber schon, und zwar so schlicht wie möglich: Ferienhütten-tauglich!

Das braucht ihr:

4 Zitronen
60 g Zucker
100 ml heißes Wasser
750 ml eiskaltes Mineralwasser
Eiswürfel

Und das macht ihr:

Die Zitronen auspressen. Den Zucker mit dem heißen Wasser übergießen und so lange rühren, bis er sich vollständig aufgelöst hat. Den Zitronensaft hinzugeben, mit dem Mineralwasser auffüllen. Alles gut umrühren und mit Eiswürfeln servieren.

Lesehungrig bin ich ja immer. Da geht’s mir wie Shermin in ihrem Magischen Kessel. Darum geht dieser Beitrag an ihr unstillbares, bibliophil-kulinarisches Dauer-Event „Lesehungrig“.

Published in Uncategorized

6 Comments

  1. Limonade ist einfach schön, in Urlaubsbüchern getrunken…. Hakan Nessers Krimis mag ich ja nicht so gerne, deine Beschreibung macht aber doch Lust drauf es mal mit diesem Buch zu versuchen und ihm nochmal eine Chance zu geben.

    • svanadis

      svanadis

      Au ja, mach mal! Und es kann ganz gewiss nicht schaden, passend zur Lektüre ein Gläschen Limonade parat zu haben. 🙂

  2. Liebe Barbara,
    wow – als Erste dabei in diesem Quartal und dann auch noch diese einfühlsame Zusammenfassung der Story, die richtig Lust aufs Buch und die Charaktere macht. Und natürlich auf Zitronenlimonade (gerade gestern habe ich über selbstgemachte Zitronenlimonade nachgedacht…. ;))

    Danke & liebe Grüße

    Shermin

    • svanadis

      svanadis

      Ich bin schnell – bin ich nicht schnell??? 😉 Danke für das schöne Dauer-Event! Mir gefällt es noch ein bisschen besser als JTEB, weil ich dabei manchmal das Gefühl habe, in der großen Menge der Buch-Beiträge in so kurzer Zeiit gehen die einzelnen Posts und Bücher unter…

  3. Was für eine wunderbare Rezension! Du hast mir jetzt solche Lust gemacht, dass ich sofort – nein, nicht Limonade gerührt habe. Sondern sofort geschaut habe, ob’s das Buch als E-Book gibt. Leider nicht. Schade, denn ich hätt’s gerne mit in den Urlaub genommen. So muss es jetzt auf danach warten. Aber dann!

    • svanadis

      svanadis

      Hach – schade, dass es das nicht als E-Book gibt! Ich glaube zu wissen, dass es dir wirklich gut gefallen würde! Es ist im ersten Moment so überraschend, weil man von Nesser halt was ganz anderes erwartet. Es gibt übrigens noch zwei – so to speak – „Nachfolgebände“: „Und Piccadilly liegt nicht in Kumla“ sowie „Die Wahrheit über Kim Novak und den Mord an Berra Albertsson“ (das es übrigens als Kindle-EBook gibt – Paaah!). Woraus du ersehen kannst, dass das Rätsel im „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ nicht vollends gelöst wird… – Einen tollen Urlaub wünsch‘ ich dir!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *