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Es war einmal in Bedfordshire: Chicken Tikka Masala

Manchmal, wenn sich das Leben gerade zäh und mühsam gebärdet, seufze ich aus tiefstem Herzen: „What a life!“. Der Stoßseufzer ist Relikt eines lange zurückliegenden Sommers. Eines großartigen Sommers! Okay, ich reiste zwar ständig mit nasser Wäsche durch die Weltgeschichte, aber es war auch der Sommer, in dem ich Chicken Tikka Masala entdeckte.

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Damals habe ich den ganzen Sommer in England verbracht. Während des Studiums war das, die Semesterferien boten viel Zeit für ein ausgedehntes Praktikum in einem englischen Getreidehandelsunternehmen. Ich arbeitete im „Grain Office“, pflegte die Werte von Getreideproben, die aus dem Labor zurückkamen, in die Lieferantendatei ein, sortierte Proben, war dabei, wenn Deals über den Ver- oder Ankauf von zig Tonnen Weizen, Gerste, Raps geschlossen wurden. Yeah, ich war dabei. Aufregend, gelle?  😉  Aber um den Job ging’s ehrlich gesagt auch gar nicht sooo sehr. Wichtig war, was passierte, wenn wir abends und freitags das Werktor hinter uns ließen.

Wir, das war eine Horde junger „summer students“ – hauptsächlich Engländer, aber auch zwei deutsche Jungs waren dabei -, und alle zusammen wohnten wir in zwei  Häusern direkt neben dem großen Gelände des Getreidehandels. Es war Sommer, ein toller, warmer, unbeschwerter Sommer, wir hatten jede Menge Spaß, trafen uns abends im oder vor dem Pub „The King’s Arms“. An dessen Ruhetagen arbeiteten wir eifrig an dem Projekt, mit geleerten Weinflaschen und Bierdosen eine „Immer an der Wand lang“-Umrundung unserer Häuser zu schaffen (hej, wir waren jung und vertrugen viel!). Nur einer hatte nicht ganz so viel Spaß wie wir anderen: Robert. Wenn wir morgens aufstanden, um unser Tagwerk zu beginnen, kam Robert gerade von seiner Nachtschicht in der Mühle nach Hause, schob eine geöffnete Dose Baked Beans in den Ofen, löffelte sie, sobald der Inhalt den Temperaturgrad „lauwarm“ erreicht hatte, gemeinsam mit uns, die wir unser Müsli oder unseren Toast verspiesen, aus, und murmelte, bevor er anschließend ins Bett fiel, seinen allmorgendlichen Stoßseufzer: „What a life!“. Mit seinen Nachtschichten hatte er tatsächlich die Arschkarte gezogen. Aber zumindest an den Wochenenden war er dabei, wenn wir Ausflüge nach Cambridge oder Oxford unternahmen, nach London oder gar bis nach Cornwall.

Das war schon ein ordentlicher Ritt in die Welt, denn das Ganze spielte in Bedfordshire, in einem Städtchen namens Sandy. Wobei: „Städtchen“ ist die Übertreibung des vergangenen: waaahhh!!! Jahrhunderts. „Örtchen“ trifft es eher. So mussten wir etwa, um Wäsche zu waschen, mit dem Zug in den nächsten Ort reisen, erst dort gab’s einen Waschsalon. Blöd nur, dass die Zeit zwischen der günstigsten Hin- und Rückverbindung gerade nicht für einen Wasch- und einen Trockengang ausreichte. So blieb uns die Wahl zwischen dem stundenlangen Abhängen in einem Ort, der, mal abgesehen vom Waschsalon, nicht wirklich interessanter war als Sandy selbst, sowie dem Rücktransport unserer nassen Wäsche per British Rail gen Sandy. Die musste nach der Rückkehr noch mal auf dem Mobiliar im ganzen Haus verteilt werden (Wäscheständer: Fehlanzeige), bis sie endlich trocken eingesammelt werden konnte. Wäsche waschen wurde so zur tagesfüllenden Unternehmung.

Die Geschichte mit den Baked Beans aus dem Ofen zeigt, denke ich, dass wir in Essensfragen nicht sonderlich elitär waren. Wir ernährten uns von diversen Varianten einer selbst zusammengebrutzelten „mess in a pan“ (meistens), den selbst für unsere damaligen kulinarischen Ansprüche leicht fragwürdigen Pappkarton-Inhalten vom „Chinese Take-Away“ an der Ecke oder dem gar nicht mal schlechten, aber doch ewig gleichen, Pommes-lastigen „Pub grub“ im „King’s Arms“. Wollten wir doch mal Abwechslung auf dem Speiseplan, dann hatten wir genau eine Wahl: das einzige Restaurant im Ort. Ein Inder. Zu meinem Lieblingsgericht auf der Speisekarte avancierte rasch das Chicken Tikka Masala: zartes Hähnchenfleisch in cremiger, würziger Tomatensauce mit dem für mich genau richtigen Grad an Schärfe. Immer öfter fanden wir uns fortan beim Inder von Sandy ein.

Wie konnte es passieren, dass ich das Gericht, in dem sich für mich damals der ganze Geschmack dieses Sommers verdichtete, komplett aus dem Blick verloren habe? Okay, nirgends, wo ich seither gewohnt habe, gab es ein überzeugendes indisches Restaurant. Dennoch komisch. Chicken Tikka Masala war wie aus meinem Gedächtnis getilgt. What a life! Bis ich neulich bei „Bonjour Alsace“ ein Rezept dafür entdeckte. Das wiederum auf einem Rezept von „Toettchen“ basiert, welcher zu berichten weiß, dass ein Inder höchst überrascht wäre, wenn man ihm das Gericht als eine Speise aus seiner Heimat anpriese. Vielmehr, so schreibt Toettchen, sei Chicken Tikka Masala das englische Nationalgericht par excellence und habe mittlerweile selbst den Beliebtheitsgrad von Fish & Chips überflügelt. Wenn ich’s mir recht überlege: Stimmt! Das deckt sich 100 pro mit den Erfahrungen meiner diversen Gastspiele auf der Insel. Um so merkwürdiger, dass es so lange aus meinem Blickfeld verschwunden war. Aber der Geschmack von Toettchens Chicken Tikka Masala, der kommt sehr nahe heran an das Aroma, wie ich es kennen gelernt habe. Damals in Sandy.

Das braucht ihr:

Hähnchenbrust – zirka 400g
1 Becher Joghurt
1 Zitrone – den Saft
2 TL Kurkuma
1 EL Garam masala
1 Chilischote
1 Stück Ingwer
3 Knoblauchzehen
Paprikapulver edelsüß
gehackte Tomaten (aus der Dose)
400 ml Kokosmilch
Salz
Zucker
frischen Koriander
Mandelblättchen zum Garnieren

Und das macht ihr:

Hähnchenbrust in mundgerechte Stücke schneiden. Chilischote und Ingwer fein würfeln. Aus Joghurt, Zitronensaft, Kurkuma, Garam Masala, Chili und Ingwer eine Marinade zusammenrühren und die Hähnchenstücke darin mindestens 3 Stunden marinieren.

Das Fleisch aus der Marinade nehmen, etwas abtropfen lassen, auf Spieße stecken (habe ich mir gespart) und unterm Grill oder in einer Grillpfanne mit etwas Öl (so hab‘ ich’s gemacht) scharf anbraten.

Den Knoblauch fein hacken Die Butter in einer zweiten Pfanne zerlassen und den Knoblauch darin andünsten. Paprikapulver dazugeben, kurz mit rösten, dann mit gehackten Tomaten, Kokosmilch und dem Rest der Joghurt-Marinade ablöschen. Mit Salz und einer guten Prise Zucker abschmecken, zum Kochen bringen und zirka 20 Minuten köcheln lassen, bis die Sauce eine dickliche Konsistenz bekommt. Das Hähnchenfleisch dazugeben und weitere 10 Minuten köcheln.

Mit etwas gehacktem Koriander und ein paar Mandelblättchen bestreuen und mit Reis servieren. Köstlich!

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9 Comments

  1. Was für großartige Geschichten!!! Die Wäsche – ganz groß. 😉 Mehr aus deiner wilden Vergangenheit, bitte!

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      😀 Mal schauen, was davon noch so öffentlichkeitstauglich ist… 😉

  2. Sooo eine schöne Geschichte – ich habe sie mit grossem Vergnügen gelesen und ein paar Mal geseufzt 😉

    Ach, und lieber Felix, sei doch bitte nicht ganz so streng ;-))) Ich liiiebe „re-blogging“, vor allem, wenn so gelingen wie hier!

      • Barbara Luetgebrune

        Barbara Luetgebrune

        Toll, dass du Spaß beim Lesen hattest – ich jubele über jeden Seufzer! 😀

  3. Erfrischend zu lesen… eigene Erinnerungen an good old England kommen auf…
    Sehr schön, auch wenn ich nicht so sehr ein Freund von re-blogging bin!!!
    Mit kulinarischen Grüssen aus Fernost,
    FEL!X

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Hi Felix, geht mir auch so mit dem Re-Blogging, aber in diesem Fall war der Erinnerungs-Flash einfach stärker als solche Bedenken. Schön, dass es dir gefällt. Viele Grüße retour!

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