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Gedrucktes Fast Food und gebratenes Hähnchen

Heute geht’s mal um Grundsätzliches. Es geht um gute und schlechte Lektüre und um gutes und schlechtes Essen. Beispiele und Tipps gefällig? Alles inklusive. Ich rege mich ein bisschen auf und erzähle von Fluch und Segen des E-Book-Lesens.

haehnchen_bachmeier

Seit kurzem habe ich einen E-Book-Reader. Tolles Teil! Ich kann mir spätabends noch neuen Lesestoff besorgen, wenn ich mit einem Buch durch bin, kann nachts draußen auf der Terrasse weiter lesen, wenn die Geschichte spannend ist, störe beim Schmökern im Bett den Liebsten nicht kaum und habe jederzeit so viel Lektüre dabei, wie ich mag, ohne mich mit dem Bücherkoffer abzuschleppen, mit dem wir in Kindertagen einmal pro Woche in die Bücherei zogen.

Alles prima also? Nicht ganz. Denn: Ich habe auch noch nie so viel Schund gelesen wie in den paar Wochen, seit ich den Reader habe. Mir ist seither überhaupt erst bewusst geworden, wie viele schäbige Bücher es da draußen auf dem Markt gibt. Dabei geht’s mir gar nicht mal um die richtig miesen Machwerke, bei denen auf den ersten Blick zu erkennen ist, dass sie als „Lies und Hopp“-Ware produziert sind, oder um die ganz offensichtlich nur zum gedankenlosen Konsum gedachte, fürchterliche „Frauenliteratur“. Vielmehr bin ich – in der ersten Begeisterung über das neue Spielzeug – in dem unübersichtlichen und seltsam sortierten** E-Book-Store jetzt ein paar mal auf Bücher reingefallen, die zunächst halbwegs seriös wirkten: Die Geschichten, wie sie in den „Klappentexten“ angerissen waren, klangen nicht schlecht; die Leseproben, offensichtlich mit Geschick ausgewählt, machten Lust auf mehr.

Hätte ich bloß die Finger davon gelassen! Drei Beispiele – nicht zufällig jene, in deren zweifelhaften Lesegenuss ich jetzt gekommen bin -: Hanni Münzers „Honigtot“, Lori Nelson Spielmans „Morgen kommt ein neuer Himmel“ und „Die verlorenen Spuren“ von Kate Morton. Allesamt gedrucktes Fast Food ohne jeden Nährwert. Wenn, wie im Fall von „Honigtot“, eine vermeintlich ernsthafte belletristische Auseinandersetzung mit dem Schicksal verfolgter Juden unter dem Nazi-Regime in ein voyeuristisch angehauchtes Gruselkabinett in Endlosschleife mündet, ist das sowieso ohne Worte. Und wenn ich bei Kate Morton merke – ihr bin ich tatsächlich schon zum zweiten Mal auf den Leim gegangen -, dass eine Autorin zwar Talent zum Erzählen hat, es sich aber verdammt einfach macht, indem sie die gleichen Strukturen, die gleiche Dramaturgie, selbst ganz ähnliche Charaktere unter neuen Namen immer wieder nutzt, weil es beim letzten Mal ja schließlich auch ganz gut funktioniert hat, dann fühle ich mich veralbert. Und für alle drei Beispiele gilt: Es ärgert mich, wenn ich beim Lesen merke, dass der Autor keine Lust hatte, sich gründlich genug mit Worten, Figuren und Story auseinander zu setzen. Wenn diese Tatsache mit einer zusätzlichen, arg konstruierten Verwicklung, noch einem Schicksalsschlag, einem weiteren Klischee vertuscht werden soll. Wenn ein Plot an sich charmant ist, ausbaufähige Punkte, die ihm mehr Tiefgang verleihen könnten, jedoch verlässlich ignoriert werden – zugunsten einer Extra-Portion oberflächlichen Dramas. Noch ein Salto, noch ’ne Umdrehung, spektakuläre Spannung oder Schenkelklopfer-Komik um jeden Preis: Nichts davon macht eine gute Geschichte aus.

Eine gute Geschichte hat einen einfachen, keinesfalls überladenen Plot. Sie ist flüssig, ehrlich  und ohne Effekthascherei erzählt. Gern darf sie in eleganter Sprache daher kommen, gern auch unterhaltend sein, dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Auf jeden Fall aber sollte sie den Lesern Futter mitgeben, das sie intellektuell und emotional ein bisschen länger beschäftigt – und somit sättigt – als für die nächsten fünf Minuten.

Ein Beispiel gefällig? Auch das ist zufällig gewählt (oder eben auch nicht), es ist der Band, nach dem ich – verkatert von drei mal klebrig-süßlicher Asti-Lektüre am Stück – in meinem ganz realen Buchregal griff: John von Düffels „Hotel Angst“. Ein schmales Bändchen nur, eine kleine, aber fesselnde Erzählung über ein so großes, grundlegendes Thema wie menschliche Lebensträume, ihre Kraft, aber auch ihr Scheitern. Gute Grundzutaten, gekonnt verarbeitet – mehr braucht es nicht für eine gute Geschichte.

Das ist wie beim Essen. Wie bei diesem Gericht, das aus einfachen, ehrlichen Zutaten besteht, ohne Chichi auskommt und köstlich satt macht: Brathähnchen nach Hans Jörg Bachmeier („Einfach.Gut.Bachmeier“). Das braucht ihr dazu:

1 Hähnchen
Paprikapulver, edelsüß
4 EL Olivenöl
10 Schalotten
1 Knoblauchzehe
1 Bund Petersilie
2 Zweige Thymian
2 Zweige Rosmarin
2 Streifen Schale einer unbehandelten Zitrone
2 Knollen Knoblauch
12 kleine Kartoffeln
2 Frühlingszwiebeln
1 Stich Butter
1 TL Zucker
1 Schuss Weißwein
Salz & Pfeffer

Und das macht ihr:

Das Hähnchen innen und außen mit Salz und Pfeffer würzen und von außen mit etwas Paprikapulver und einem Esslöffel Olivenöl einreiben. Schalotten schälen, Knoblauchzehe ungeschält andrücken. Zwei Stiele Petersilie beiseitelegen, die restliche Petersilie, den Thymian, den Rosmarin, die Knoblauchzehe, 2 Schalotten und die Zitronenschale in die Bauchhöhle des Hähnchens geben. Keulen und Flügel mit Küchengarn zusammenbinden.

Den Backofen auf 175°C vorheizen.

Das restliche Olivenöl in einem Bräter erhitzen. Die übrigen Schalotten und die Knoblauchknollen halbieren. Salzwasser aufsetzen und wenn es kocht, die Kartoffeln darin zirka zehn Minuten garen, anschließend pellen. Das Gemüse in den Bräter geben und leicht anbraten. Etwa 200 Milliliter Wasser angießen, dann das Hähnchen auf das Gemüse setzen und im Ofen auf der mittleren Schiene rund 50 Minuten garen. Dabei immer mal wieder mit dem Bratensud bestreichen.

Gegen Ende der Garzeit die Frühlingszwiebeln in kleine Stücke schneiden. Die Butter in einer Pfanne erhitzen und den Zucker darin karamellisieren. Die Frühlingszwiebeln dazugeben und ein paar Minuten dünsten.

Das Hähnchen aus dem Bräter nehmen und kurz ruhen lassen. Schalotten, Knoblauch und Kartoffeln in ein Sieb abgießen, den Sud auffangen. Das Gemüse zu den Frühlingszwiebeln geben und kurz mitrösten. Mit dem Wein ablöschen und mit dem Bratensud aufgießen. Die restliche Petersilie fein hacken und dazugeben. Das Hähnchen tranchieren und mit dem Gemüse servieren.

Herr Bachmeier schneidet übrigens gleich zu Anfang die Flügel ab und brät sie zusammen mit dem Gemüse an und gibt sie dann, ebenfalls mit dem Gemüse, zum Hähnchen in den Bräter.

**Macht euch mal den Spaß, euch in der K*****-Leihbücherei die Abteilung Belletristik – Klassiker anzuschauen. In der Liste taucht ein seicht-erotischer Soft-Porno nach dem anderen auf. Der erste klassische Titel, der in etwa dem entsprach, was ich in dieser Rubrik erwartet hatte, erschien in Form eines Molière-Stücks auf Platz 48.

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6 Comments

  1. Ich habe im Südafrika-Urlaub auch so einen grottigen Roman gelesen: „Sommer in Maine“. So ein Schmarrn mit einer so unsympathischen Protagonistin… Aber dafür sieht das Hühnchen köstlich aus!

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Hach, das beruhigt mich ja jetzt ein kleines bisschen, dass ich nicht die einzig Doofe bin, die gelegentlich auf solchen Schund reinfällt…! 😉 Und: Merci!

  2. Marianne Schwarzer

    Marianne Schwarzer

    Jaja, das Bücher-Fastfood, das kenne ich. Und Kate Morton bin ich mit ebendiesem Buch ebenfalls auf den Leim gegangen. Habe festgestellt, dass ganz viele Bücher mit ganz ähnlichen Covern daher kommen, um die mache ich auch einen Bogen. Übrigens; Unse e-book-Reader ist aber auch eine Wohltat. Ich wühle mich nämlich gerade durch Game of Thrones, Band 5, und diese Bände sind für abends im Bett zum Lesen viel zu dick und unhandlich. Schon hab ich den Reader in die Hand gedrückt bekommen, und jetzt ist es richtig leicht. Und dennoch, ich finde diese ständige Klickerei lästig. Das Huhn werde ich mir mal für das kommende Wochenende auf den Speisezettel schreiben, also einmal mehr vielen Dank, liebe Barbara…..

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Ach, ich find‘ den Reader ja auch toll. Und: Ich lese tatsächlich wieder viel mehr, seit ich ihn habe. Ich muss anscheinend bloß noch lernen, im E-Book-Store genauso gezielt auszuwählen, wie ich das in der Real-Life-Buchhandlung ja auch mache… 😉 Au ja, probier das Hähnchen mal aus – ich bin gespannt, wie es dir gefällt!

  3. Hihi, ich fühle zwar mit Dir, was schundige Lektüre angeht, habe diesen Verriss aber ziemlich gerne gelesen. 😉 Wobei solche Fehlgriffe bei mir nicht erst vorkommen, seit ich Bücher elektronisch lese. Schlimm wird’s bei mir immer, wenn ich mal wieder auf die Suche nach „einfach nur guter Unterhaltung“ (durchaus ein Sommer- und Ferienphänomen). Da bin ich schon auf die schlimmsten Sachen reingefallen. Eigentlich lese ich Bücher daher nur noch auf Empfehlung, und auch da gucke ich genau, von wem sie stammt. Übrigens, in diesem Sinne: Heute habe ich gerade „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ ausgelesen – mit sehr großem Vergnügen! Danke. 🙂

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Hach, da bin ich jetzt sehr erleichtert, dass dir „Kim Novak…“ gefallen hat! Und klar: Mir ist das auch schon mit „echten“ Büchern passiert (und „einfach nur gute Unterhaltung“ ist tatsächlich ein gefährliches Stichwort 😉 ), aber halt nie so geballt wie gerade in den letzten paar Wochen. Eigentlich habe ich einen sehr sicheren Griff, wenn es um Bücher geht, dir mir gefallen könnten. Ich hoffe, das gilt mit zunehmender Gewöhnung an den Reader auch sehr bald für E-Books… 🙂

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