Skip to content →

Hering, Speckkinkel und eine kleine Zeitreise

Ich habe gerade erst mal gegoogelt: Gibt es das Wort Speckkinkel eigentlich offiziell? Kommt es auch Menschen jenseits des lippischen Sprachraums über die Lippen? Ja, kommt es offenbar – wenngleich in anderer Zubereitung und anderen Zusammenhängen. Was in mir den leisen Verdacht weckt, dass das heutige Gericht allenfalls lippischen Zungen munden könnte. Wir werden sehen. Es gibt: Hering mit Speckkinkeln.

hering_speckkinkel

Sandra fragt auf ihrem Blog „From Snuggs Kitchen“ nach kulinarischen Kindheitserinnerungen.  Und erzählt dabei liebevoll von ihrer Oma, die sie vor nicht allzu langer Zeit verloren hat. Meine beiden Omas, Herminchen und Mariechen, Jahrgang 1905 und 1906, leben schon eine ganze Weile nicht mehr. Und doch fühlt es sich nicht so an, als ob sie besonders weit weg wären. Es käme mir kein bisschen seltsam vor, Großmutters vertraute Gestalt zu sehen, wie sie die Treppe in meinem Elternhaus herunter kommt und ankündigt, jetzt ihren täglichen „Marsch“ machen  zu wollen – trotz strahlend blauem Himmel mit der unvermeidlichen Regenhaube in der Hand. Und ich hätte kein Problem damit (wenngleich die jetzigen Bewohner das sicher anders sähen), an einem Samstagmittag an der Tür von Omamas Häuschen zu läuten, mir einen der Holzhocker an ihrem kleinen Küchentisch zu schnappen und bei Hering, Speckkinkeln, Pellkartoffeln und Butterbohnen mit viiiiel Bohnenkraut über Gott und die Welt zu plaudern.

Diese nicht eben schlanke Speisen-Zusammenstellung gab es jeden Samstagmittag bei Omama (sie hätte bestimmt „Sonnabend“ gesagt), so lange ich denken kann. Ich habe das Gericht sehr gern gemocht, hatte es in der Zwischenzeit allerdings komplett aus dem Blick verloren. Dann entschied ich mich neulich in einem Gasthaus hier in der Nähe für das Tagesangebot Matjes, ohne allzu genau zuzuhören, welche Beilagen dazu serviert werden würden (shame on me!). Und genau diese Kombi landete auf meinem Teller – und katapultierte mich geschmacklich auf der Stelle zurück in Kindertage.

Auch meine Mutter kann sich aus ihrer eigenen Kindheit an Hering mit Speckkinkeln erinnern. Damals, so erzählt sie, brachte Omama es besonders gern dann auf den Tisch, wenn ausgehungerte „Städter“ zu Gast waren und aufgepäppelt werden sollten. Meine beiden Omas stammten von Bauernhöfen und heirateten wiederum Bauern, mit denen sie selbst Höfe bewirtschafteten. Wobei sie in erster Linie für Haus und Garten zuständig waren. Ein anspruchsvoller Job, den sie toll gemeistert haben – dafür bewundere ich sie bis heute. Denn um die großen Familien samt Lehrlingen und Mitarbeitern sowie speziell in den Kriegsjahren viel Dauer-Besuch rund ums Jahr satt zu bekommen, mussten sie hervorragende Wirtschafterinnen sein. Es war eben nicht möglich, im nächsten Laden gerade mal noch ein paar Kotelettes oder Kartoffeln einzukaufen, wenn die eigenen Bestände knapp geworden waren. Und selbst wenn es etwas zu kaufen gegeben hätte: Bargeld war knapp. Mariechen erwirtschaftete es mühsam mit ihrem Eierverkauf. Und Herminchen ärgerte sich bis an ihr Lebensende schwarz über die Einträge ihres Mannes im Ausgabenbuch, der jede Auszahlung von Haushaltsgeld mit dem Stichwort „H.’chen“ quittierte, als handele es sich um Kohle für ihr ureigenstes Privatvergnügen.

Wie auch immer: Gegessen werden konnte nur das, was Feld, Garten und Ställe hergaben. Und um all dies übers Jahr zu strecken, mussten die „Ernten“ eingelagert, eingemacht, eingekocht werden. Wurde ein Schwein geschlachtet, wurde selbstverständlich alles verwertet. Die raren Filetstücke konnten nur einmal verspiesen werden – wahrscheinlich eher an Feiertagen. Sonst gab es zum Beispiel Wurstebrei (lecker!) oder am Schlachtetag selbst Braunatt, ein Gericht aus Blut, Pfötchen, Ohren & Co. vom Schwein. Das habe ich nur einmal probiert, als meine Oma meiner Mutter eine Portion mitbrachte – nicht mein Fall. Definitiv nicht.

Aber Hering mit Speckkinkeln habe ich gern gemocht. Besonders intensiv erinnere ich mich an die gemeinsamen samstäglichen Mittagessen mit Omama aus einer Zeit, in der ich streng genommen schon kein Kind mehr war. Mein Opa war gestorben und meine Oma lebte nun allein in dem kleinen Häuschen gegenüber ihrem früheren Hof. Mitten auf dem platten Land. Sie selbst fuhr nicht Auto. Zwar hatte sie vor Urzeiten den Führerschein gemacht, aber ihn schon ziemlich bald darauf unauffindbar verlegt, was meinem Opa, der sein Auto ohnehin nicht gern teilen mochte, sehr entgegen kam. Fortan chauffierte er sie. Was auch reibungslos funktionierte – bis eben zu seinem Tod.

Damit Omama ihre Einkäufe machen konnte, fuhr ich also in jener Zeit jeden Samstagvormittag zu ihr, und dann ging’s zusammen weiter ins kleine Städtchen, wo es alles gab, was sie die Woche über brauchte. Jedes Mal brachte sie zwei filetierte Heringe mit, die wir uns nach dem Einkauf gemeinsam schmecken ließen. Die Pellkartoffeln hatte sie schon vorgekocht, so dass sie nur noch erwärmt werden mussten. (Wobei ich mich nicht mehr genau erinnere, auf welche Weise sie das machte. Noch mal ins Wasser? Das kommt mir aus heutiger Sicht fragwürdig vor…) Die Bohnen waren ebenfalls vorgekocht, wurden nun noch einmal üppig in Butter geschwenkt und dabei aufgewärmt. Die Speckkinkel aber, die wurden frisch gemacht. Auch dazu kam ein ordentlicher Stich Butter in die Pfanne , in der der fein gewürfelte Speck  ausgelassen wurde. Und dann großzügig über Fische und Kartoffeln verteilt. Ich sag’s ja: Schlank geht anders. Aber ich sag auch: Köst.Lich!

Mit frischem Matjes wird das Gericht übrigens richtig fein. Den habe ich leider nicht bekommen. Aber angerichtet habe ich es auf echten Oma-Tellern. Das Dekor muss damals sehr beliebt gewesen sein. Auch hier im Haushalt fand sich, überliefert von den Eltern meines Mannes, die ich leider beide nicht kennen gelernt habe, ein 24-teiliges Kaffee-Service in dem Muster, das mir von den Mahlzeiten meiner Kindertage bei Omama und Opapa bis heute so vertraut ist.

Dieser veritable Roman ist für Sandra und ihr Blogevent „Kindheitserinnerungen“.

Kindheitserinnerungen

Published in Uncategorized

9 Comments

  1. […] klar: der Beitrag über das Chicken Tikka Masala und der über das von mir geliebte Oma-Essen, Hering mit Speckkinkeln. Warum mir gerade diese beiden Beiträge etwas bedeuten? Weil die Geschmäcker beider Gerichte es […]

  2. Auch bei mir hat deine wunderbare Geschichte etliche KIndheitserinnerungen nebst passenden Leckereien wieder aus der Versenkung gebracht und für einen Moment das warme Gefühl erzeugt, das meine Oma im Stande war, jedes Mal im Überfluss zu geben, wenn wir sie besuchten. Ich bin mir sicher, dass meine Kinder und Enkel, dereinst das mal genauso empfinden werden. Es ist sehr schade, dass wir diese Erinnerungen oft mit ins Grab nehmen, statt sie öffentlich zu machen und zu konservieren. Diese Zeitreisen sind wichtig, um unser Denken und Handeln in der heutigen Zeit zu bewerten und auszurichten. Gerade auch in kulinarischer Hinsicht. Ein Buch mit solchen Geschichten wäre toll. Wie wär’s …?

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Danke, Henning – schön, dass es dir gefällt! Und: Ja, könnte durchaus passieren… 😉

  3. Jetzt muss ich ja glatt überlegen, auch noch ein Event zum gleichen Thema auszurichten, um auch noch Deine anderen Kindheitserinnerungen lesen zu können! Du erzählst so wunderbar – danke. Und zwei Omas namens Mariechen und Herminchen (gehabt) zu haben klingt mindestens ebenso schön wie das Wort „Speckkinkel“.

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Au ja, mach mal! 😀 Aber ’nen kleinen Nachschlag bekommst du jetzt schon: Wenn Mariechen Mitte September ihren Geburtstag feierte, zu dem neben Tante Lotte, Tante Grete, Tante Tilde, Tante Päule und wie sie alle hießen selbstverständlich auch Herminchen geladen war, dann saßen die betagten Damen hoch in ihren Achtzigern bei Zwetschgenkuchen zusammen und sangen. So, wie sie vermutlich schon als junge Mädchen gemeinsam gesungen hatten: „Rosemarie, Rosemarie, sie-hie-ben Jahre mein Herz nach dir schrie. Rosemarie, Rosemarie, aber du hörtest es nie…“ 🙂

      • Mehr! Mehr! Mehr davon!

      • Barbara Luetgebrune

        Barbara Luetgebrune

        😀 Aber im Ernst: Mir fällt gerade so vieles wieder ein, ich glaub‘, ich hebe tatsächlich mal ’ne eigene Rubrik dafür aus der Taufe…

  4. Eine wunderschöne Erzählung, vielen Dank das wir daran teilhaben dürfen. Und eine wirklich interessante Kombination an Zutaten für ein Essen 🙂

    Das Geschirr muss wirklich früher ein Klassiker gewesen sein, auch bei meiner Oma gibt es das noch.

    Vielen Dank für Deinen großartigen Beitrag zum Event ❥.

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Merci für die schöne Event-Idee! Hat mir viel Spaß gemacht, mich noch einmal in jene Zeit zurück zu versetzen. Und das Matjes-Gericht in dem Restaurant war tatsächlich die Initialzündung für den Beitrag – nachdem ich vorher ewig überlegt hatte, welche meiner vielen, unvergessenen kulinarischen Kindheitserinnerungen ich für dein Event wiederbeleben sollte… 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *