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Im Herbstlicht

Spät in der Nacht ist es, und oben im Nachbarhaus brennt Licht. So wie früher, als Frau B. dort lebte. Frau B. war Anfang 90, seit langem verwitwet, und die freudigste, unbekümmertste Nachteule, die sich denken lässt.

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Herbstabend. Herbstsalat. Herbstlicht.

Sie liebte es, bis in die Puppen aufzubleiben, hockte Nacht für Nacht zwischen den – das ließ sich von nebenan aus der Küche prima erkennen – proppevollen Bücherregalen in ihrem Wohnzimmer. Bestimmt hatte sie es sich in dem großen Sessel bequem gemacht, dessen abgelebte Plüsch-Ohren oberhalb der Balkonkästen mit den sommers üppig blühenden Geranien ins Bild ragten. Im warmen Licht der fadenscheinigen Stehlampe neben sich wird sie vergnügt in einem der unzähligen Bände geblättert haben, die sie im Laufe der Jahre gesammelt hatte. Frau B. mochte Liebesgeschichten, die großen russischen Romanciers und Whisky, schottischen Single Malt. Um ihn zu kaufen – Flasche für Flasche, nie zwei auf einmal -, fuhr sie alle paar Wochen mit ihrem alten Opel Kadett in die Stadt. Eigentlich rollte sie nur den Berg hinab, gleich auf dem großen Platz eingangs der Fußgängerzone parkte sie und machte sich dann zu Fuß auf den Weg. Den Innenstadtverkehr traute sie sich am Steuer nicht mehr zu – den Aufstieg zu Fuß nach dem Einkauf erst recht nicht. Aber so war es perfekt. Als sie sich irgendwann entschloss, ihr Auto zu verkaufen, und seine neuen Besitzer es abholten, stand sie in der Einfahrt und winkte ihm nach. „Das ist“, sagte Frau B., „als ginge ein alter Hund vom Hof.“

Frau B. ist vor ein paar Monaten gestorben, irgendwo in einem Altenheim. Nicht in ihrem Wohnzimmer, aus dem das Licht Nacht für Nacht seine helle Botschaft funkte: Hier lebt eine, die das Leben genießt.

Seither war es dunkel hinter dem Fenster.

Aber jetzt ist Mitternacht, und es brennt wieder Licht nebenan. Ein anderes Licht, es kommt von der Deckenlampe und reflektiert blendend hell von der nagelneuen, schmucklosen Schrankwand im Hintergrund. Ein alter Mann am Rollator schiebt sich ins Bild, mühsam macht er sich bereit, ins Bett zu gehen. Es ist nicht sein erster Versuch, in den Schlaf zu finden an diesem Abend, und es wird nicht der letzte bleiben. Jede Stunde geht das Licht aus, bald darauf wieder an, und der alte Mann rollert ins Nebenzimmer. Er ist verheiratet, aber er wohnt hier allein, seit kurzem, seine Frau lebt ein paar Straßen weiter. Sie habe die Wohnung für ihn eingerichtet, heißt es. Hat die Schrankwand ausgewählt, Kiefer lasiert, aus dem Möbel-Discounter, hat den Wäscheständer aus Plastik auf den Balkon gestellt. Sie ist jünger als ihr Mann, einmal pro Woche schaut sie nach dem Rechten, dann steht ihr geschniegelter Golf vor der Tür. Manchmal chauffiert sie ihn irgendwo hin, ihren Mann, zum Arzt vielleicht. Oder zum Einkaufen. Abends, wenn das Licht drüben im Schlafzimmer angeht, ist das Auto längst weg. Dann schlurft der alte Mann ins Bild und klettert ins Bett. Das Licht geht aus, wieder an, der Mann steht auf, rollert außer Sicht, kommt zurück, Licht aus, Licht an, Licht aus, Licht an. Da morst einer SOS.

Spät in der Nacht ist es, und oben im Nachbarhaus brennt Licht. Wieder, aber nicht wie früher. Kein bisschen so wie früher.

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