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Jeden Tag ein Buch: Banana Yoshimotos „Kitchen“

„Manchmal, wenn ich total am Ende bin, denke ich mir: Wenn ich einmal sterben muss, dann will ich meinen letzten Atemzug in einer Küche tun. Ganz gleich, ob ich allein bin und es kalt ist, ob jemand bei mir sitzt und es warm  ist: Furchtlos will ich den Dingen entgegensehen. Wenn es nur in einer Küche wäre, denke ich – wie schön!“

Das schreibt Banana Yoshimoto in ihrem Erstlingswerk „Kitchen“. Und wenngleich seit dessen Erscheinen volle 25 Jahre ins Land gegangen sind, ist die Erzählung für mich bis heute eine der berührendsten Beschreibungen urbaner Einsamkeit – und eine wunderbare Hommage an die tröstliche, den Lebensmut stärkende Wirkung des Kochens.

katsudon_dekonstruiert

Banana Yoshimoto – im echten Leben heißt sie mit Vornamen Mahoko – war gerade mit dem Studium fertig, als sie „Kitchen“ schrieb, das in Japan schnell zum Kultbuch avancierte. Hier und da eine Spur zu viel Theatralik, die eine oder andere kleine Schwäche in der Dramaturgie, die der Debütantin unterlaufen ist – geschenkt. Dass sie emotional so nah dran ist an ihrer Protagonistin Mikage, wird zur Stärke der Erzählung. Die Autorin zeichnet ein faszinierendes Bild des Lebensgefühls der jungen, großstädtischen Japaner der 1980er Jahre, angesiedelt irgendwo zwischen traditioneller Filmkunst, Science Fiction und Manga.

Mikage führt ein ganz normales, unbeschwertes Studentenleben in ihrer Heimatstadt Tokyo. Als ihre Großmutter stirbt, verliert sie damit nach Eltern und Großvater ihre letzte familiäre Bindung – und jeglichen Halt. Viel zu groß fühlt sich die Wohnung auf einmal an, genau wie die Stadt und ihr ganzes Leben. Überall kommt sich Mikage fortan verloren vor. In ihrer Küche sucht sie Zuflucht. Dort, das beruhigende Brummen des Kühlschranks im Rücken, überdauert sie die erste Zeit allein. Bis sie aus ihrer Isolation herausgeholt wird von Yuichi und seiner Mutter Eriko, einem schillernden, alles andere als alltäglichen Gespann. Beim Einleben in diesem neuen Gefüge spielen wieder eine Küche  und zunehmend auch die Kochkunst eine zentrale Rolle. Und als Mikage einmal mehr auf bittere Weise daran erinnert wird, dass kein Glück ewig hält, bieten ihr die Küche und das Kochen nicht mehr bloß Zuflucht – längst sind sie ihr zum vertrauten und bewährten Ort des Neuanfangs geworden.

Zugegeben: Dass das Leben weiter geht, selbst nach großen persönlichen Katastrophen, ist wahrlich keine brandneue Erkenntnis. Auch die nicht, dass das Weiterleben besser läuft, wenn Mensch bereit ist, sich immer wieder auf Neues einzulassen. Banana Yoshimoto aber beschwört diese Erkenntnis mit großer Innigkeit. Sie versichert sie ihren Protagonisten, ihren Lesern und  – zwischen den Zeilen immer wieder deutlich spürbar – sich selbst. In dieser Form darf das nur eine schriftstellerische Debütantin. Und genau diese ungebremste, ungefilterte Innigkeit macht den Charme von „Kitchen“ aus.

So ganz nebenbei singt die Autorin außerdem ein Loblied auf die virtuose japanische Kochkunst und Küchenartistik. Das „katsudon“, das ich ausprobiert habe, zählt wohl zu den zwar sehr beliebten, aber doch eher bodenständigen Gerichten, aber es spielt eine zentrale Rolle in der Erzählung. Es besteht aus paniertem, in Streifen geschnittenem Schweineschnitzel (Tonkatsu), das auf einer Portion Reis serviert wird (Donburi). Die Schnitzel-Streifen werden nach dem Braten zusammen mit einem verquirlten Ei in einer zuvor geköchelten Sauce aus Dashi, Sake, Mirin, Sojasauce, Zwiebel und Frühlingszwiebel erhitzt, und zwar nur so lange, bis das Ei gerade gestockt ist. Dann werden sie auf Reis angerichtet. Mein „katsudon“ hätte ganz sicher weder Banana Yoshimotos kulinarischen Ansprüchen noch denen ihrer Protagonistin Mikage genügt. Meinen eigenen übrigens auch nicht: Mit Paniertem, das noch mal gebadet wird, hat mich dieser Selbstversuch nicht ausgesöhnt. Viel besser geschmeckt hat mir der Teller, auf dem ich das „katsudon“ gewissermaßen dekonstruiert hatte, damit auf dem Foto etwas zu erkennen ist: Die Sauce kam dabei nur über den Reis, das Ei habe ich separat stocken lassen und gemeinsam mit den Schnitzel-Streifen auf Reis & Sauce angerichtet und mit gehackter Frühlingszwiebel bestreut. Stilbruch? Klar! Lecker? Auch!  🙂

Dies ist mein erster Beitrag zur Aktionswoche „Jeden Tag ein Buch“, die die großartige Astrid von „Arthurs Tochter kocht“ bereits zum dritten Mal ausrichtet.

Grafik: Ariane Bille
Logo-Design by Ariane Bille

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2 Comments

  1. svanadis

    svanadis

    Ach, Sabine, ich hab‘ das Buch schon ewig – damals relativ bald nach dem ersten Erscheinen entdeckt. Aber es ist tatsächlich einer meiner all time favorites. Es ist jetzt auch nicht so, dass ich die große Japan-Literatur-Expertin wäre. Wer mir noch gut gefällt als Erzähler, ist Haruki Murakami, aber das ist alles andere als ein Geheimtipp. Und wie es mir Banana Yoshimotos schriftstellerischer Karriere weitergegangen ist, habe ich auch nur ansatzweise verfolgt. Aber: „Kitchen“ rulezzzz…! 🙂

  2. Na, da kram ich doch gleich mal die Wunschliste heraus – das klingt nach einem Buch, das ich unbedingt lesen möchte! Danke dafür. Wie bist Du darauf gestoßen? Ich muss zugeben, dass ich japanische Literatur wirklich nicht auf dem Schirm habe.

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