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Julia Child: Erste Hilfe mit Huhn, Sahne und Port

Frau Neudecker, so geht die Mär, gart verlässlich jedes Hähnchen zu Staub. Und geht mit ihren Küchenkatastrophen auch noch schamlos hausieren, so dass inzwischen alle Welt über sie lacht. Dass Tränen strömen. Hilfsaktionen anrollen. Dass für sie gesammelt wird.

Ich bin ja von mildtätiger und grundguter Wesensart, also trage auch ich mein Scherflein bei zur Hendl-Sammlung für Madame. Wenn ich ihr auch nicht über den Weg traue, der Frau Neudecker und ihren Krisenherd-Geschichten. Ich sag’s mal so: Eine Geschichte muss nur gut sein, dann stimmt sie auch  alte Storyteller-Weisheit. Erzähl‘ mir nix. You can’t kid a kidder.

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„Ein grauenvoller Arbeitstag. Eine alte Oma, die aussah, als könnte sie kein Wässerchen trüben, nannte mich ,dämliche Kapitalisten-Sklavin‘. Doch dann kam ich nach Hause, machte Hühnchen mit Sahne, Portwein und Pilzen und war im siebten Himmel.“

Das ist – ihr habt es erkannt – ein Zitat aus dem Film „Julie & Julia“, in dem Regisseurin Nora Ephron so humorvoll wie berührend von zwei Frauen unterschiedlicher Generationen erzählt, die beide das Kochen als Ausweg aus ihrem eintönigen Alltag entdeckten. Vielleicht stammt die Passage auch direkt von Julie Powell, die mit ihrem Blog die Vorlage für den einen Erzählstrang der Doppelgeschichte lieferte. Das Rezept jedenfalls, so viel steht fest, ist von Julia Child, „der Frau, die Amerika das Kochen und Essen beigebracht hat“. Und die ihre glücklichsten Jahre, das lässt sich in ihren Memoiren nachlesen, in Paris verlebte. Dort, wo auch Frau Neudecker „das Kochen lernte, ohne jemanden dabei umzubringen“. Für beide war Paris eine Heimat auf Zeit.

Das Rezept für Julia Childs „Suprêmes de Volaille“ steht auf Seite 243 ihres legendären Kochbuchs „Mastering the Art of French Cooking“, die zweite der beiden Seiten – ich berichtete hier -, die sich in unserer Ausgabe von ganz allein aufschlagen. Wir mögen sie besonders gern in der Variante „aux Champignons“, die sich auf der nächsten Seite findet.

Dafür braucht ihr:

1 Schalotte
250 g Champignons
Butter
2 Hähnchenbrüste (beziehungsweise eine pro Esser)
Zitronensaft
Salz & Pfeffer
100 ml Geflügelfond (gegenüber dem JC-Rezept gründlich aufgestockt … Saucen-Freaks, wir.)
100 ml Port oder Madeira  (gegenüber dem JC-Rezept … siehe oben)
350 ml Sahne (gegenüber dem JC-Rezept…  *hüstel*)
Petersilie

Und das macht ihr:

Den Ofen auf 200 Grad vorheizen. Die Hähnchenbrüste mit Zitronensaft einreiben, salzen und pfeffern. Die Schalotte fein hacken, Champignons vierteln. Die Butter in einem ofenfesten Schmortopf auf dem Herd erhitzen, bis sie schäumt, die Schalotte darin anschwitzen und dann die Pilze braten – sie sollen dabei wenig bis gar nicht bräunen. Dann die Pilze auf eine Seite schieben, die Hähnchenbrüste hinzugeben und einmal kurz von allen Seiten durch die Butter rollen – auch sie sollen nicht bräunen, sondern weiß bleiben. Mit einem auf Topfgröße zugeschnittenen, von einer Seite gebutterten Stück Backpapier abdecken, den Deckel auf den Topf legen und in den heißen Ofen schieben. Zum Garen der Brüste braucht Julia Child laut Kochbuch nur 6 Minuten – bei uns dauert es locker eine Viertelstunde (jüngster Verdacht: Das könnte am schweren Le-Creuset-Deckel liegen, der so lange zum Aufheizen braucht). Auf jeden Fall ist das Fleisch gar – und keineswegs trocken! -, wenn es auf Fingerdruck zurückfedert. Die Brüste aus dem Ofen nehmen und auf einem warmen Teller zugedeckt zur Seite stellen.

Wein und Brühe zu den Pilzen in den Schmortopf gießen und die Flüssigkeit auf dem Herd bei großer Hitze einkochen, bis sie sirupartig ist. Die Sahne einrühren und die Sauce so lange kochen, bis sie eine dickliche Konsistenz bekommt. Mit Salz, Pfeffer und Zitronensaft abschmecken. Fleisch, Pilze und Sauce anrichten und mit gehackter Petersilie bestreuen.

Julia Child empfiehlt gebutterte Erbsen oder Spargelspitzen, Artischocken-Herzen oder Rahmspinat als Beilage. Ich habe mich diesmal für ein Spinat-Tomaten-Gemüse entschieden. Und ein gutes Baguette zum Auftunken der himmlischen Sauce ist sowieso gesetzt. Bon appétit!

PS: Ach, und wenn sie demnächst ihren ersten Michelin-Stern bekommt, die Madame Neudecker – völlig überraschend für die vielen Fans ihrer vermeintlichen Küchen-Fehltritte, versteht sich: Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt vor den Fabulierern dieser Welt!  😉

Dies ist mein Beitrag zum Event „Hendls für Frau Neudecker“, zu dem Karin vom Blog „Food for Angels and Devils“ eingeladen hat.


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4 Comments

  1. Hihi, habe mich köstlich amüsiert – vor allem über die Saucen-Aufstockung!

    • svanadis

      svanadis

      Was bleibt einem übrig? Ohne ausreichend Sauce wäre das Leben doch arg freudlos…! 🙂

  2. Ha….wie herrlich. Das buch steht auch in meiner Küche…..ich werde die Seite mal aufschlagen gehen 🙂
    Und dann schaut es ja ganz so aus, als ob ich nicht die Einzige wäre, die der Frau Neudecker das Nicht-Kochen-Können nicht so ganz abnimmt….

    • svanadis

      svanadis

      Hihi, über deine leisen Zweifel hab‘ ich mich in deinem Beitrag auch schon gefreut. Ja, und mach‘ mal! Seite 243 – die Sauce ist göttlich! 😀

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