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Kochen & Bloggen in unruhigen Zeiten

Ich habe eine Mahlzeit zubereitet, die – so behauptet eines meiner Kochbücher, „WOK – Das Beste aus Asiens Küchen“ von GU – indonesischen Ursprungs ist. Curry-Nudeln, etwas Hähnchenfleisch darin, als Streetfood mühelos und unkompliziert aus der Pappschachtel zu essen. Es ist ein einfaches und auf seine schlichte Art zutiefst befriedigendes Gericht, es sättigt und schmeckt sehr gut. Aber ob es typisch indonesisch ist? Ich habe keinen blassen Schimmer.

currynudeln

Claudia von „Dinner um acht“ wünscht sich für ihr Blog-Event, das sie jährlich mit der Frankfurter Buchmesse ausrichtet und das stets die Küche des jeweiligen Gastlandes in den Fokus nimmt, indonesisches Streetfood. Ich hätte gern mitgemacht – weil ich Claudia mag und das Event großartig finde. Aber ich war nie in Indonesien. Und trotz ausgiebiger Recherche bekam ich kein Gefühl für typische Zutaten und ihre Verwendung, blieben meine Vorstellungen davon, wie die Gerichte schmecken könnten oder gar sollten, seltsam unbestimmt. Über indonesisches Streetfood zu schreiben, das hätte sich für mich angefühlt wie Hochstapelei der miesesten Sorte. Darum schreibe ich heute lieber über etwas, das mich gerade sehr bewegt. Und die Curry-Nudeln, die gibt es einfach als Zugabe.

Heute ist einer dieser leuchtenden Septembertage, der Himmel strahlt fast unwirklich blau und die Sonne britzelt so heiß, dass ich an diesem Tag am Ende des Sommers 2015 auf den beiden zusammengeschobenen Stühlen im Garten noch mal ein paar Nuancen Bräune zugelegt haben dürfte. Und doch liegt schon eine Ahnung vom Herbst in der Luft, das ist sofort zu spüren, wenn sich die federweißen Wolken im Vorbeiziehen kurz vor die Sonne schieben; das spüre ich an der Kälte meiner Bar-Füße, die ich auf dem Stuhl gegenüber im Dauerschatten der Lehne positioniert habe.

Genauso ein Wetter war heute vor 14 Jahren, am 11. September 2001, dem Tag der Terroranschläge in New York. Ich war als Tageszeitungsvolontärin gerade auf Ausbildungsstation in der Nachrichtenredaktion. Mittags trudelten wir gemächlich in der Redaktion ein, Frühstarts bringen nichts in diesem Geschäft, zu viel kann passieren, zu viel sich noch ändern an der Nachrichtenlage im Laufe des Tages. An diesem Tag sollte tatsächlich viel passieren, zu vieles, zu Erschreckendes. Irgendwann waren wir alle vorm Fernseher im Chef-Büro versammelt, konnten nicht fassen, was wir auf dem Bildschirm sahen, und all die erfahrenen Blattmacher und harten Nachrichten-Profis wirkten vor allem: hilflos. Viele von ihnen dürften geahnt haben, dass diese Anschläge das Zeug hatten, das Weltbild, so wie wir es bis dato kannten, aus den Angeln zu heben.

62 Jahre zuvor dürften es mehr als böse Vorahnungen unruhiger Zeiten gewesen sein, die meinen Großvater umtrieben. Gelesen habe ich, dass es ein warmer, sonniger Spätsommer war, als Nazi-Deutschland damit begann, der ganzen Welt den Krieg zu erklären. Im August 1939 hatten meine Großeltern das Richtfest des Hauses gefeiert, das ihrer wachsenden Familie eine Heimat werden sollte. Wurde es – und irgendwann viel später auch Schauplatz des fröhlichen, behüteten Aufwachsens für meine Schwestern und mich -, aber meinem Großvater dürfte damals, im September 1939, sehr klar gewesen sein, dass er erst mal nicht besonders viel haben würde von dem Haus, von dem er so lange geträumt hatte. Er war zwar schon in seinen 50ern, aber seine Erfahrung als Pionier im Ersten Weltkrieg wollte sich auch das Nazi-Regime zunutze machen. Der Bauher verschwand also erst einmal auf Jahre hinaus von der Bildfläche, dafür war sein nagelneues Haus auf dem Bauernhof im Lipp’schen sehr bald gesteckt voll mit Flüchtlingen, Vertriebenen, hungrigen Verwandten aus den großen Städten. So war das alles nicht geplant gewesen, aber rückblickend betrachtet war es auch nicht die schlechteste Nutzungsart für ein großes, standfestes Bruchsteinhaus. Irgendwann gab es auch noch militärische Einquartierungen, die deutschen Machthaber requirierten Hofgebäude als Lagerräume, später ließen sich die englischen Besatzer in Haus und Hof nieder.

Ich muss kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass uns wieder unruhige Zeiten ins Haus stehen – darüber kann auch dieser verträumte, sonnige, blitzeblaue Gartentag im September 2015 nicht hinwegtäuschen. Weltweit sind Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Terror, Hunger und anderen Schrecken. Ich denke, das jetzt der Moment gekommen ist, in dem es höchste Zeit wird, Flagge zu zeigen. In dem sich keiner mehr verstecken kann. Die Gedanken darum, wie alles weitergehen wird, können einem Angst machen. Ein gutes Mittel gegen Angst ist es, die Initiative zu ergreifen, aktiv zu werden. Etwa, indem man sich für die Menschen einsetzt, die ihre Heimat verloren haben und in diesen Tagen zu Zigtausenden in unsere Städte gespült werden. Die Seite der großartigen Initiative „Blogger für Flüchtlinge“ zeigt viele Möglichkeiten auf, wo und wie sich jeder einbringen kann. Und ja: Spenden geht auch.

Und vorübergehend hilft es auch, etwas zu tun, das nah an den wesentlichen Dingen des Lebens ist. Bei der Gartenarbeit in der Erde wühlen. Oder sich an den Herd stellen und ein gutes Essen kochen. Zum Beispiel die Curry-Nudeln.

Für vier Portionen braucht ihr:

1 Bund Frühlingszwiebeln
3 Knoblauchzehen
1 Stück frischer Ingwer
2 Stängel Zitronengras
1 TL Sambal Oelek
1/2 TL Kurkuma
2 TL gemahlener Koriander
Salz
250 g Hähnchenbrustfilet
2 – 3 EL Öl
1 Dose Kokosmilch (400 g)
250 g Mie-Nudeln
250 g Sojasprossen
2 – 3 EL Ketjap manis

Und das macht ihr:

Die Frühlingszwiebeln in feine Röllchen schneiden, Knoblauch, Ingwer schälen, vom Zitronengras die äußeren, harten Blätter entfernen und alles fein hacken. Alles mit Sambal Oleg, Kurkuma, Koriander und Salz zu einer Würzmischung verrühren.

Das Hähnchenfleisch in kleine Würfel schneiden. Die Mie-Nudeln nach Packungsangabe garen. Die Sojasprossen waschen und gut abtropfen lassen.

Einen Wok erhitzen, das Öl zugeben und darin die Würzmischung bei mittlerer Hitze und unter Rühren etwa drei Minuten braten. Die Hähnchenbrustwürfel zugeben und unter Rühren fünf Minuten braten. Mit Kokosmilch ablöschen und die Sauce ein bisschen Eicheln lassen. Dann alles zusammen zugedeckt noch einmal fünf Minuten ziehen lassen.

Die Nudeln und die Sojasprossen in den Wok geben, alles gut mischen und noch einmal ein paar Minuten erhitzen. Mit Ketjap manis würzen.

Ist das nun indonesisch? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass das Gericht gut schmeckt, leicht erdnussig, was den Sojasprossen zu verdanken sein dürfte. Und dass es sich ob meiner Echtheitszweifel nicht mit dem „Streetfood & Sambal“-Event-Banner schmücken darf, dafür aber mit dem Logo der Aktion „Blogger für Flüchtlinge“.

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2 Comments

  1. Marianne

    Marianne

    Das hast Du sehr berührend geschrieben und ich finde Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen, meine Liebe. Danke für die Botschaft und das Rezept!

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Merci, ma chère. Freut mich, dass es dir gefällt.

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