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Mein Kulturblick: Am liebsten neben der Kommode

Unter dem Titel „Verloren und Wiedergefunden: Mein Kulturblick“ lädt das Archäologische Museum Hamburg zur groß angelegten Blogparade #KultBlick ein. Die Initiatoren möchten wissen, wie Menschen Kultur sehen und erleben. Hier kommt mein Beitrag zum Thema.

"Romeo und Julia": Das Bild zeigt eine Spielszene aus Martin Pfaffs Inszenierung der Shakespeare-Tragödie am Detmolder Landestheater. Foto: Landestheater Detmold/Birgit Hupfeld
„Romeo und Julia“: Das Bild zeigt eine Spielszene aus Martin Pfaffs aktueller Inszenierung der Shakespeare-Tragödie am Detmolder Landestheater. Foto: Landestheater Detmold/Birgit Hupfeld

Die Geschichte mit mir und der Kultur beginnt früh, und am Anfang ist das Wort. Ich bin zweieinhalb Jahre alt, muss eine Weile im Krankenhaus sein und meine Mutter, die mich nicht besuchen darf – was für kranke Vorschriften damals! – schreibt mir kurze Briefchen. Zu meinen frühesten Erinnerungen gehört es, mich dort im Gitterbett sitzen zu sehen und die Worte zu entziffern. Worte, die von einer tröstlichen, vertrauten Welt erzählen. Worte, die sich zu Geschichten fügen. Geschichten, die mich mitnehmen in andere, später immer neue, fremde Lebens- und Gedankenwelten. Bis heute ist das für mich ein zentrales Kriterium bei der Definition von Kultur: Kultur erzählt gute Geschichten; Geschichten, die mich packen, die mich unterhalten, mich berühren und die mir Stoff zum Denken geben über den Moment des Erlebens hinaus. Und natürlich weiß ich heute, dass es für das Erzählen weitaus mehr Instrumente gibt als Worte.

Meine Mutter hat mir das Lesen so früh beigebracht. Später fährt sie mit uns Kindern einmal pro Woche in die Bücherei der Kreisstadt, jedes Mal schleppen wir unsere geliehene Ausbeute in einem randvoll gepackten Koffer nach Hause, dem Bücherkoffer. Seither lese ich viel und stets und ständig. Und ich schreibe. Musik ist selbstverständlich ebenfalls im Angebot, meine drei Schwestern und ich erlernen jede mehr als ein Instrument. Ich entdecke aber bald, dass ich besser über Musik schreiben kann als sie selbst zu machen.

So kommt es, dass mein Blick auf Kultur heute ein professioneller ist. Ich bin Kulturredakteurin bei der Lippischen Landes-Zeitung, einer lokalen Tageszeitung, die – alles andere als eine Selbstverständlichkeit – jeden Tag eine ihrer Seiten für die Kultur im Erscheinungsgebiet, dem Kreis Lippe, reserviert. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass es in Detmold nicht nur das Landestheater  – ein Drei-Sparten-Haus und die größte Reisebühne Deutschlands -, sondern auch eine Hochschule für Musik gibt. Jede der beiden Einrichtungen bietet im Jahr um die 400 Vorstellungen und Konzerte an. Das Literaturbüro OWL, das mit seinem Literatur- und Musikfest „Wege durch das Land“ jeden Sommer Fans aus dem ganzen Bundesgebiet anzieht, hat seinen Sitz ebenfalls in Detmold. Alle zwei Jahre zu Pfingsten verwandelt das Europäische Straßentheater-Festival „Bildstörung“  ganz Detmold in eine große Open-Air-Bühne. Darüber hinaus gibt’s Museen, aktive Kunstvereine, ambitionierte Amateurtheater, Kirchenmusik und eine große freie Kunst- und Musikszene. Kulturell ist in Lippe also viel los – deutlich mehr als in Regionen vergleichbarer Größenordnung. Mir beschert diese Tatsache einen tollen Job mit immer wieder anregenden Erlebnissen und spannenden Begegnungen.

Welche Themen gehören auf die Kulturseite? Zahllose Diskussionen mit Standpunkten zwischen „Konzentration auf die klassische Hochkultur“ und einem „erweiterten Kulturbegriff“ (wie auch immer der genau aussehen mag) habe ich im Job mitgemacht. Heute bin ich überzeugt: Was Kultur ist und was nicht, das definiert am Ende jeder für sich. Und natürlich habe auch ich ein paar ganz persönliche Glaubenssätze zur Kultur, speziell zur lokalen, der mein Blick ja in der Hauptsache gilt:

Kultur braucht Emotion. Ich bin bereit, mich auf vieles einzulassen, viele Wege mitzugehen. Ein Beispiel: Shakespeares „Romeo und Julia“ auf einer Bühne, deren einzige Möblierung in einer riesigen Pistole besteht, mit der Regisseur Martin Pfaff derzeit im Detmolder Landestheater darauf verweist, dass diese wohl bekannteste Liebesgeschichte der Welt vor einem gesellschaftlichen Hintergrund aus Gewalt, Macht und Sex spielt? Das ist schlüssig, packend, hochaktuell und gibt viel Stoff zum Nachdenken: Ich bin dabei! Wenn eine Produktion allerdings öde und ohne Herzblut gemacht ist, wenn sie es nicht schafft, mir deutlich zu machen, warum dieser Stoff für mich von Bedeutung ist, bin ich raus.

Immer weniger leiden kann ich ein elitäres Kulturverständnis. Menschen etwa, die sich etwas auf die im exklusiven Zirkel hinter dicken Mauern zelebrierte und von ihnen als solche definierte „Hochkultur“ einbilden und sie benutzen, um sich von anderen Menschen, vermeintlichen Banausen, abzugrenzen. Kultur ist, wenn sie für alle ist. Ein gutes Beispiel dafür ist für mich das oben erwähnte Europäische Straßentheater-Festival, ein weiteres das Podium Festival Esslingen, eine junge Initiative, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, klassische Musik möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, sie aus den Konzertsälen holt und dabei auf innovative Konzepte setzt.

Natürlich schreibe ich es, wenn mich eine Inszenierung, eine Darbietung nicht überzeugt. Aber ich formuliere mit Fingerspitzengefühl – gnadenlose Verrisse gibt es aus meiner Feder nicht. Kritische Begleitung und der Blick von außen sind wichtig. Aber nach 20 Jahren im Geschäft der Kulturberichterstattung bin ich überzeugt: Kultur braucht, gerade auf lokaler Ebene, in erster Linie die Fürsprecher – und dann erst die Kritiker.

Kultur braucht und verdient aber nicht nur ideelle, sondern auch materielle Förderung. Ob jemand Kultur erleben kann, darf nicht ausschließlich von der Dicke der privaten Geldbörse abhängig sein. Kulturförderung ist eine öffentliche Aufgabe. Das gilt in ganz besonderer Weise auch für den Bereich der Bildung. Wenn Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen zunehmend zu kurz kommt, weil wegen des hohen Lerndrucks die Zeit fehlt, wenn immer mehr Lehrer an kommunalen Musikschulen als Honorarkräfte ohne soziale Absicherung beschäftigt werden, ist kulturelle Bildung in Gefahr. Und damit eine Säule unserer Gesellschaft.

Und natürlich mein allererstes persönliches Credo: Kultur erzählt gute Geschichten; Geschichten, die mich packen, die mich unterhalten, mich berühren und die mir Stoff zum Denken geben über den Moment des Erlebens hinaus. Das funktioniert mit Worten, Tönen und Farben, mit geschriebener und gesprochener Sprache, mit stehenden (hängenden!  😉 ) und bewegten Bildern, mit Tanz und Schauspiel, Text und Film, Malerei und Fotografie, Musik und Gesang. Und viele gute Formate verbinden gleich mehrere Genres miteinander. Kultur lebt vom Austausch. In Schubladen wächst sie gar nicht gut – am besten gedeiht sie neben der Kommode.

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8 Comments

  1. Hallo Tanja,

    ich mag Dein persönliches Credo „Kultur erzählt Geschichten“ sehr. Denn eigentlich ist Kunst doch pures Geschichten-Erzählen – die Welt deuten, verarbeiten, schöner, bunter, trauriger machen, oder?

    Viele Grüße

    Daniela

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Liebe Daniela,

      ja, das sehe ich in der Tat ganz genau so. Schön, dass dir der Beitrag gefällt.

      Herzliche Grüße!

  2. Ich bekomme ja direkt Lust, mal Detmold zu erkunden (Wetter hin oder her)! Deine Haltung auch als professionelle Rezensentin gefällt mir: dass Kultur vor allem Fürsprecher braucht. Ein schöner Artikel, wieder mal! Danke dafür.

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Jaaaa, komm doch mal vorbei – würde mich freuen! 🙂

  3. Guten Morgen Barbara,
    wusste ichs doch, dass Du die richtige bist für meine Einladung zur Blogparade,
    Ein sehr guter Beitrag, der mir aus der Seele spricht und mich auf Detmold und den Rest Deiner Region neugierig macht. Womöglich kommen wir da mal vorbei. Auch wenn die Gegend bisher noch nicht zu unseren Reisezielen gehörte.

    Und übrigens: drei Schwestern habe ich auch 😉

    Mit stets leckerem Gruß
    Peter

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Hallo Peter,

      freut mich, dass er dir gefällt. Die Blogparade war für mich ein guter Anlass, noch mal ein bisschen genauer über das nachzudenken, was sonst meinen Alltag ausmacht. Fände ich schön, wenn ihr euch mal gen Lippe aufmachen würdet. Neben der Kultur gibt’s hier auch gute Möglichkeiten, wenn ihr gern wandert oder Rad fahrt. Nur was das Wetter angeht, eilt Lippe nicht der beste Ruf voraus. Da wäre das Straßentheater-Festival zu Pfingsten 2018 noch mit der sicherste Tipp. Die Macher haben da offensichtlich ein glückliches Händchen: Bis aufs letzte Mal war das Festival-Wetter immer ganz großartig.

      Herzliche Grüße von Barbara.

  4. Liebe Barbara,

    ein großes Merci für deine Gedankenwelt zu #KultBlick. Danke auch, dass du mich informiert hast, denn die Technik streikte. Aber jetzt bist du gefunden und deine Haltung zu Kultur gefällt mir sehr gut, abgesehen davon komme ich fast um die Ecke wech aus Rheda-WD ;-).
    Kultur geht mit Berührt werden und Emotionen einher. Kultur sollte keine Veranstaltung des elitären Bildungsbürgertums sein. Da dürfte dir der Post von Lutz Prauser aka Zwetschgenmann gefallen, er seziert den Bildungsbürger-Museumsgänger. Die blödsinnige Abgrenzung von Hoch- und niederschwelliger Kultur fegst du richtig vom Tisch.

    Klasse finde ich es, dass die Lokalredaktion noch einen ausführlichen Kulturteil hat – sehr gut. Kultur ist für eine Gesellschaft wichtiger als die Keeper der Geldsäckl glauben.

    Nochmals Dankeschön!

    herzlich,
    Tanja

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Liebe Tanja,

      ui, du bist ja flott! Lieben Dank für deinen Kommentar, fürs Überlisten der Technik und vor allem auch für das tolle Thema der Blogparade. Hat viel Spaß gemacht, darüber zu schreiben – und mir ist bei der Beschäftigung damit auch mit Blick auf meinen Job einiges viel klarer geworden. Und: Ja, ich finde das auch ganz großartig, dass die Kultur bei uns im Blatt so einen hohen Stellenwert hat. Möge das so bleiben!

      Ich habe gerade erst angefangen, mich Stück für Stück durch die #KultBlick-Beiträge zu lesen, und wenn das in dem aktuellen Mitmach-Tempo weitergeht, kommt da ja sicher noch einiges nach – sehr schön! Auf jeden Fall mache ich dann mal mit dem Beitrag vom Zwetschgenmann weiter; danke für den Tipp.

      Herzliche Grüße aus Lippe an die Ex-Ostwestfälin 🙂

      Barbara.

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