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Mit Stevan Paul durch die Märchenwelt der Brüder Grimm

Du hörst von einem Projekt, und blitzartig denkst du: Boah, die Idee hätte ich gern selbst gehabt! Das kommt vor, bei mir, gelegentlich. Zuletzt war das so, als Stevan Paul von seinem werdenden Märchenkochbuch berichtete. Dass mir, bis vielleicht auf das Schreiben, jegliche Fähigkeiten dazu fehlen würden, so ein Projekt in die Praxis umzusetzen, tut nichts zur Sache. Vielmehr geht es um diese augenblickliche und absolute Gewissheit, dass eine Sache groß ist. Vielleicht weil sie – wie in diesem Fall – so naheliegend und durch und durch stimmig ist, dass man sich fragen muss, warum nicht schon längst jemand auf die Idee gekommen ist.

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Dass es offenbar nicht nur mir so geht, lese ich an dem Leuchten ab, das regelmäßig in den Gesichtern meiner Mitmenschen aufgeht, wenn ich von „Heute koch ich, morgen brat ich“ erzähle. Ist jetzt schon mehrfach passiert, erst neulich wieder in der Buchhandlung. Die Buchhändlerin bringt mein bestelltes Exemplar zum Tresen und sagt: „Ach ja, das haben wir für den Laden auch geordert. Aber was ist denn eigentlich das Besondere daran?“ Ich beschreibe kurz und kaum schwärmend, sondern meine abgeklärte Grundhaltung wahrend (echt jetzt!) das Konzept, erzähle von Dornröschens Festschmäusen und Rotkäppchens Lunchpaketen, und die Buchhändlerin fängt an zu lächeln, kriegt das Strahlen gar nicht mehr aus dem Gesicht. Jede Wette, dass sie in der Minute, in der ich den Laden verlasse, ins Lager rennt und die Folie von einem der vorrätigen Exemplare fitscht, um drin zu blättern.

Die "Falsche, falsche Prinzregententorte". Gibt es einen hübscheren Namen für ein Gericht? Sie besteht aus geschichteten Pfannkuchen und Pilzragout. Und die Portweinsauce ist mir sehr rosa geraten - aber, hej, wir Prinzessinnen lieben das!
Die „Falsche, falsche Prinzregententorte“. Gibt es einen hübscheren Namen für ein Gericht? Sie besteht aus geschichteten Pfannkuchen und Pilzragout. Und die Portweinsauce ist mir sehr rosa geraten – aber, hej, wir Prinzessinnen lieben das!

Ich war bislang der Auffassung, dass ich Märchen nicht sehr überzeugt mag. Wie tief die Märchenwelt der Brüder Grimm anscheinend dennoch in mir verankert ist und wie die Vorstellungen von diesem Universum die Fantasien ganzer Generationen von Kindern geprägt haben dürften, wird mir beim Anschauen der großzügig eingestreuten, oft ganzseitigen Fotos von Daniela Haug bewusst. Ja, ja und ja. Genauso trutzig und unbezwingbar muss der Turm ausgesehen haben, hinter dessen Mauern Rapunzel eingesperrt war. Die starr in den tristen Tag ragenden Zweige auf jenem Bild spiegeln exakt wider, wie sich Aschenputtel gefühlt haben muss, als sie sich unter dem Haselnussbaum am Grab ihrer Mutter ein Ballkleid wünschte. Und tanzt dort im Wald zwischen den mächtigen Baumstämmen nicht ein rotes Käppchen auf und ab? Daniela Haug hat sie aufgespürt und mit der Kamera festgehalten, die Bühnenbilder, die durch die Märchen der Brüder Grimm tief in unserem Inneren hinterlegt sind. Als Fond, vor dem die Ritter und Räuber, die Hexen und Feen, die Prinzen und Königinnen unserer Fantasie ganz selbstverständlich ihrem märchenhaften Tagewerk nachgehen.

Stevan Paul hat die Grimmschen Märchen nacherzählt und sie dabei sprachlich einen Hauch näher an unsere heutigen Sprech- und Hörgewohnheiten herangeholt, ohne sie dadurch im mindesten zu entzaubern. Sprache lebt, und was lebt, wandelt sich mit den Zeiten. So ist das.

Viele der Gerichte setzen auf alltägliche Zutaten. Der raffinierte kleine Twist bei diesen Ofentomaten mit Ziegenkäse kommt durch die gehackten Rauchmandeln, die drüber gestreut werden.
Viele der Gerichte setzen auf alltägliche Zutaten. Der raffinierte kleine Twist bei diesen Ofentomaten mit Ziegenkäse kommt durch die gehackten Rauchmandeln, die drüber gestreut werden.

Von Plot und Stimmung der einzelnen Märchen hat Stevan Paul sich zu Gerichten inspirieren lassen. So verleitete ihn Aschenputtel zu lauter „Verführerischen Sünden“, Rotkäppchen gab ihm Snacks „Für unterwegs“ ein und Hänsel und Gretel lieferten die Idee zu manch zünftigem „Ofenschmaus“. Seine Zutaten findet der Autor überwiegend in den heimischen Wäldern, Gärten, Ställen und Seen. Ob deftiger Räubereintopf oder raffinierte „Prinzenröllchen“ – die Märchenküche liegt gleich um die Ecke. Und selbst für die feinen, aufwendigeren Gerichte gilt: Die Zubereitung ist kein Hexenwerk. Das ist noch so eine Stelle, an der die dichte Webart dieses Buches sichtbar wird: So manch eine Grundkonstellation, so mancher Traum und so mancher Schrecken in den Märchen der Brüder Grimm liegt schließlich auch nicht meilenweit entfernt von jeder realen Möglichkeit, sondern ist dem echten Leben abgeguckt. So wird das Buch zum kleinen Gesamtkunstwerk, komplettiert durch das – je nach Thema – erdig-reduzierte bis opulente Styling von Tanja Trific und die ansprechende Gestaltung von Anja Laukemper.

Ein wunderbares Buch zum Lesen, zum Blättern, zum Bilder angucken, zum Vorlesen, zum Kochen, zum Verschenken, zum Selbstbehalten. Zum Freuen.

Noch so ein einfaches Gericht, das durch die blauen Kartoffeln, die eigentlich dazu gehören, noch einen Hauch märchenhafter wirken würde. Mit gelben Kartoffeln schmeckt der Kräuterquark aber auch. Und vor allem der Brezel-Radieschen-Salat mit dem feinen Dijon-Senf-Dressing.
Noch so ein einfaches Gericht, das durch die blauen Kartoffeln, die eigentlich dazu gehören, noch einen Hauch märchenhafter wirken würde. Mit gelben Kartoffeln schmeckt der Kräuterquark aber auch. Und vor allem der Brezel-Radieschen-Salat mit dem feinen Dijon-Senf-Dressing.

Und für alle, die noch mögen, gibt’s einen kleinen Nachschlag, der mit den Grimms zu tun hat, aber auch mit den hochaktuellen Themen Flucht und Fremdsein, die mich nach wie vor stark umtreiben. Die Brüder Grimm haben nicht nur Märchen aufgeschrieben, sondern auch ein Wörterbuch verfasst. Über ihre Arbeit daran hat wiederum der jüngst verstorbene Günter Grass sein letztes Buch geschrieben, „Grimms Wörter“, aus dem er – in einer der letzten öffentlichen Auftritte vor seinem Tod – hier in Detmold gelesen hat. Die Grimms also sammelten Wörter, angefangen bei A wie „Ach“. Ein solches habe Jacob Grimm bei seiner Verbannung aus dem Königreich Hannover 1837 am Grenzübergang ins Kurhessische, wo er unterzukommen hoffte, eher geseufzt als gerufen, schreibt Grass. Abschied, Ausweisung, Abschiebung, Asyl – auch diese Wörter beginnen mit dem Buchstaben A. Die Brücke in Witzenhausen, auf der Jacob Grimm per Kutsche die Grenze passierte, wird zur Brücke ins Heute, zur aktuellen Flüchtlingsnot. Günter Grass beschreibt die Aufforderung einer alten Frau an ihren Enkel, die bei Jacob Grimms Verbannung gefallen sein soll: „Kind, gib dem Herrn die Hand, er ist ausgewiesen.“

Menschen, die im anderen den Menschen sehen: Mehr braucht Zusammenleben nicht, nicht damals, nicht heute.

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8 Comments

  1. Was für eine zauberhafte Idee!
    Ich gestehe hier, dass ich kürzlich «Grimms Kinder- und Hausmärchen» hervorgekramt und darin gelesen habe! Bei Rotkäppchen erinnerte ich mich an einen Rezeptauftrag eines Rotkäppchen-Gugelhupfs mit Rotwein, den ich vor vielen Jahren für einen Verlag umgesetzt hatte – an eine Rezeptfolge mit weiteren Märchen habe ich damals nicht gedacht.
    Deine Überleitung zur Aktualität beeindruckt.
    FEL!X

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Danke, Felix. Dein Rotkäppchen-Rotwein-Guglhupf klingt köstlich! Und mit der Rezeptfolge weiterer Märchen, an die du damals nicht gedacht hast: Siehste, genau das meine ich eingangs – manche Ideen liegen einfach auf der Hand und man weiß hinterher gar nicht, warum es so lange gedauert hat, bis jemand sie tatsächlich umsetzt. Herzliche Grüße!

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Ach, kommst du „da drüben“ an das Buch? Oder soll ich es dir eventuell zukommen lassen?

  2. Stimmt, es war das Errötende Mädchen – sorry, hatte das Buch gerade nicht da und habe das Bild aus dem Gedächtnis zitiert. Danke für die Grass-Buch-Empfehlung! Dann werde ich mich mal bald daranmachen. Im Moment sieht es allerdings mit Lesen ganz düster aus.
    Es grüßt vom Schreibtisch: Sabine

    • Ach je, und jetzt auch noch den Reply-Knopf übersehen und die Kommentar-Reihenfolge zerschossen … Seufz. Zeit für Feierabend.

      • Barbara Luetgebrune

        Barbara Luetgebrune

        Quatscho, alles gut. Ich wünsch dir viel Inspi!

  3. Was für ein ganz und gar wunderbarer Text, vor allem das Ende! Das Buch habe ich mir übrigens auf der Buchmesse gesichert und blättere seitdem träumend darin herum. Die suggestive Glasglocke über den Schneewittchen-Cupcakes! So schön. Auch „Grimms Wörter“ steht bei mir – allerdings noch ungelesen. Lohnt sich?

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Du meinst das „Errötende Mädchen“, oder? Jaaaa, wunderbare Bild-Idee und nur ein Grund, aus dem ich dieses Buch wahrscheinlich für die nächsten drölfzig Jahre mit mir rumtragen und verschenken werde. „Errötendes Mädchen“ habe ich übrigens schon selbst gemacht, lange, ehe ich von Stevan überhaupt wusste: damals, in meinem Haushalts-Kloster, war das ein durchaus gängiger Nachtisch. 🙂 Und „Grimms Wörter“: Ja, lohnt sich. Aber es hat auch durchaus Längen. Einige sehr, sehr schöne Sequenzen, aber auch Passagen, an denen einen die Sache mit der Kürze und der Würze in den Sinn kommt. Aber wenn du es ohnehin schon hast: Lesen, auf jeden Fall!

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