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Morgens um halb zehn in Detmold

Ich mache mir Sorgen um die Frau in der roten Jacke. Ich sehe sie jeden Morgen, wenn ich um kurz vor halb zehn auf dem Weg zur Arbeit durch Detmold kurve. Ich glaube, sie wohnt in dem hässlichen, abgerockten Hochhaus. Da in der Nähe sehe ich sie zumindest immer, wenn sie die Morgenrunde mit ihrem Hund dreht. Ein ziemlich unförmiges Tier, kurze Beine, plumper Körper, im dunklen Fell macht sich gnadenlos das Grau breit. Jung sind sie nicht mehr, der Hund und die Frau, und ziemlich farblos. So wie die Jacke, die die Frau sommers trägt, eine Popelinejacke in diesem nichtssagenden, lebensverneinenden Beige, das bei Senioren so beliebt ist. Jetzt aber ist es Winter und kalt, jetzt wäre die rote Jacke aus Lodenstoff dran.

Wäre. Denn: Ich habe die Frau seit Wochen nicht gesehen. Erst war die Straße gesperrt, weil die Oberfläche neu asphaltiert wurde, also bin ich die Strecke ein Weilchen nicht gefahren. Und seit die Straße wieder frei ist, ist die Frau mit der roten Jacke weg. Der Hund auch.

Kann sein, dass der Hund nicht mehr laufen kann. Oder die Frau. Oder dass der Hund gar nicht mehr da ist. Oder die Frau ins Heim gezogen. Die trübselige Aura, die das Gespann verströmte, lässt die Fantasie mühelos ein ganzes Sortiment trister Szenarien entwickeln.

Ich würde ja den Mann fragen, der jeden Morgen um die gleiche Zeit an der Bushaltestelle beim hässlichen Hochhaus steht. Auch er hat ein Faible für beigefarbene Popeline, und eigentlich wirkt er schon zu alt für die Notwendigkeit, jeden Morgen um eine bestimmte Zeit per Bus zu einer geregelten Arbeit aufzubrechen. Warum sonst sollte er dort aber so verlässlich stehen?

Tut er nicht mehr. Der Mann ist weg. Seit die Stadt die Straßensperren abgeräumt hat und ich die Strecke wieder fahren kann, jeden Morgen um halb zehn in Detmold, ist der Mann verschwunden. Gern würde ich mir vorstellen, er sei mit Frau und Hund durchgebrannt, an einen schöneren Ort, weit weg von abgewirtschafteten Hochhäusern und dem Rattern der Vibrationswalzen vor der Tür. So eine optimistische Lesart verweigert, angesichts des trostlosen Gesamtbildes, allerdings meine Fantasie. Vielleicht ist der Mann ja, und das birgt zumindest die Möglichkeit einer positiven Deutung, in Pension gegangen.

Immerhin habe ich gestern den zweiten Hund wieder gesehen. Eines der beiden kleinen, angejahrten Terrier-Tiere, die zusammen mit dem blinden Opa regelmäßig entlang meines Arbeitsweges auf Tour sind. Rüstig ist der alte Herr, trägt stets Krawatte zu teurer Wetterjacke und wirkt furchterregend diszipliniert. Ich habe den Verdacht, dass er nicht besonders nett ist zu seinen Hunden – eines der Mini-Terrier-Viecher muss immer Maulkorb tragen -, aber trotzdem war ich froh, dass der andere gestern wieder mitzockelte, nachdem der Opa ein paar Wochen lang nur mit dem kleinen Maulkorb-Träger unterwegs gewesen war. Ich machte mir schon Sorgen.

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4 Comments

  1. Ein schöner Text mit Tiefgang. Jeder lebt für sich allein. Die Wirklichkeit abseits der fröhlichen Knoppers-Welt. Versöhnlich zum einen, sind wir doch alle Teil im Leben der anderen, doch letztlich fehlt der entscheidende Schritt zur Kommunikation, des Hinterfragens, des „Kümmerns“ um den Mitmenschen. Ich muss zugeben, auch ich gehöre zu den stillen Beobachtern.

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Danke, Uwe! Und ja, das hab‘ ich beim Schreiben auch gedacht: Wo bleiben jetzt die praktischen Konsequenzen? Und ist das nicht unglaublich feige, nur zu gucken und nix zu unternehmen? Grrmmmppfff.

  2. Danke, liebe Barbara, für diesen schönen, besinnlichen Text. Der gehört eben auch zur Advents- und Weihnachtszeit, muss nicht immer nur von tief verschneiten Tannen handeln, die auf ihre Erleuchtung warten…
    FEL!X

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Zumal das mit dem Tiefschnee hier arg dürftig aussieht… 😉 Freut mich, dass du’s gern gelesen hast! Schöne Adventsgrüße an dich!

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