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Oblaten spalten und andere Adventsbasteleien

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Erbsenzähler. Korinthenkacker. Nicht pointiert genug? Keine Sorge, ich kann das noch toppen: Oblatenspalter! Und weil Oblaten speziell um diese Jahreszeit schwer angesagt sind, oute ich mich mal, exklusiv fürs vierte Türchen des 180°-Adventskalenders: Ja, auch ich habe einst Oblaten gespalten. Von Hand. Damals, in Wölti…


Wölti also. Wölti ist das Insider-Code- und Kosewort für Wöltingerode, ein ehemaliges Zisterzienserkloster in der Nähe von Goslar. Und in dessen ehrwürdigen Mauern residierte von 1918 bis 1993 eine Landfrauenschule des Reifensteiner Verbandes. Die ich – ihr ahnt es – besucht habe. Dort konnten sich junge Frauen in Ländlicher Hauswirtschaft ausbilden lassen. 
Die Schule bot aber auch halbjährige Abiturientenlehrgänge an, in denen die Schülerinnen Grundlagen der Haushaltsführung lernen sollten. Diese Kurse waren seinerzeit vor allem bei Landwirtsfamilien, die ein bisschen was auf sich hielten, schwer beliebt. Und wer nach Wölti ging, hatte mindestens eine Schwester – Mutter – Tante – Oma, die vor ihr dort gewesen war. Bei mir war’s die Mutter. Wölti, das war so’n Traditions-Ding.

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Auf dem Lehrplan standen packende Themen wie Babynahrung kochen, Schuhe putzen (mit Hilfe von Zahnstochern, um auch ja in jede Lederfalte zu kommen), Staudenbeete winterfest machen, Parkettböden „nebelfeucht“ wischen. Kam alles hammermäßig an bei uns, die wir gerade das Abi in der Tasche hatten und nur zu einem wild entschlossen waren: zum Feiern und Spaß haben. Auch mit dem Leitspruch des Reifensteiner Verbandes taten wir uns schwer. „Mut – Ausdauer – Idealismus – Demut“. Ergibt: Maid (so nannten sich die Ladies tatsächlich). Ich sag’s mal so: Von Mais hatten wir eine konkretere Vorstellung. Und das „S“ für Sparsamkeit, das hätte, so fanden wir, ohnehin prima ins Leitbild gepasst.

Denn das sparsame Wirtschaften, das in Wölti zur Tugend erhoben wurde, nahm teils geradezu skurrile Formen an. Da wurde zum Beispiel Toast Hawaii nicht etwa, wie allenthalben üblich, mit einer Scheibe Ananas belegt. Nein – auf jeden Toast kam exakt eine Dreiviertelscheibe Ananas. Mit den drei auf diese Weise gesparten Vierteln ließ sich schließlich noch eine vierte Scheibe Toast großzügig bestücken. Ein Kniff, der – verborgen unter dem Käse des Schweigens – gar nicht weiter auffiel. Und einer, der der Schule auf die Jahrhunderte gerechnet sicherlich Eckhäuser eingespart hätte … wenn sie denn so lange überlebt hätte.

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Und ein weiteres Beispiel aus diesem absurden Spar-Theater waren eben besagte Oblaten in der Weihnachtsbäckerei. Die bestehen ja aus zwei Schichten. Aus eins mach zwei, hieß in Wölti die Devise. Mit einem mäßig scharfen Messer sollten die Esspapierscheiben seziert in ihre einzelnen Schichten zerlegt werden. Nicht etwa, weil das edler gewesen wäre, sondern schlicht, damit sich die immensen Anschaffungskosten einer 50er-Schachtel Oblaten, die damals bei schätzungsweise 30 Pfennig gelegen haben dürften, besser rechneten. Nicht in die Kalkulation eingeflossen war indes der beträchtliche Materialverlust, verursacht durch ungeschickte, ungeduldige, unlustige und/oder ungeübte Maiden-Pfoten…

Das halbe Jahr in Wölti war übrigens keineswegs schrecklich. Im Gegenteil! Wir haben jede Menge Spaß gehabt. Freundschaften fürs Leben geschlossen. Und bestimmt auch das eine oder andere gelernt. (Gern verweise ich in diesem Zusammenhang auf meinen prämierten Aufsatz übers Fensterputzen. Die Technik beherrsche ich bis heute … in der Theorie.) Und gerade die Adventszeit wurde dort besonders liebevoll gestaltet. Es gab einen großen Tannenbaum in der Eingangshalle, an dem an jedem Morgen im Advent eine weitere Kerze angezündet wurde. Es gab Wichteleien in Schnitzeljagd-Manier quer durchs ganze Kloster. Oder auch das große Advents-Kaffeetrinken, zu dem Eltern und Ehemalige anreisten und an den langen, weiß gedeckten Tafeln, die im Kreuzgang aufgestellt waren, mit Selbstgebackenem bewirtet wurden. Mit Makronen auf von Hand gespaltenen Oblaten zum Beispiel.

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Die bekommt ihr heute von mir nicht. Stattdessen habe ich – die Süßes ja nur mäßig schätzt – nach einem Gericht gesucht, in dem Oblaten in herzhaftem Zusammenhang Verwendung finden. Entdeckt habe ich eigentlich nur ein einziges, und das stammt (warum überrascht mich das nicht?  😉 ) aus der Feder der lieben Dorothée von Buschcooks Kitchen.

Dabei werden aus den – ungespaltenen – Oblaten Cracker gefertigt, in dem man sie mit Eiweiß bepinselt, in Kokosstreuseln wendet & die Streusel nach Möglichkeit andrückt, die Oblaten sofort kurz in heißem Pflanzenöl frittiert, auf Küchenpapier abtropfen lässt und sie schließlich mit Curry bestäubt.

Zusammen mit einer Art Panna Cotta aus Kokosmilch wurde bei mir daraus eine Vorspeise.

Dafür braucht ihr:

300 ml Kokosmilch
100 ml Sahne
1 Stängel Zitronengras
1 kleine, getrocknete Chili
ein paar Scheiben Ingwer
1 Sternanis
Salz
weißer Pfeffer
Kardamom
Limettenabrieb
3 Blatt Gelatine

Und das macht ihr:

Kokosmilch und Sahne zusammen mit dem Zitronengras, der Chili, dem Ingwer und dem Sternanis in einen Topf geben, zum Kochen bringen und 15 Minuten köcheln lassen. Anschließend durch ein Sieb abgießen und die Flüssigkeit mit Salz, Pfeffer, Kardamom und Limettenabrieb abschmecken. Abkühlen lassen. Die Gelatine in kaltem Wasser einweichen, gut ausdrücken und in die lauwarme Flüssigkeit einrühren. In Gläser füllen und kalt stellen.

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12 Comments

  1. Ha – warum entdecke ich diesen Artikel erst jetzt?! Großartig! Ich musste sehr lachen. Zumindest weiß ich jetzt, warum das bei mir nix ist mit der Sparsamkeit: weil ich Verschwenderin lieber eine ganze frische Ananas kaufe, als Ringe aus der Dose zu vierteln …

    • svanadis

      svanadis

      Sabine, Sabine, so wird das aber nix…! 😀

  2. Nur wer des Oblatenspaltens mächtig ist, darf auch in die höheren Weihen des Plätzchenbackens eingeweiht werden.

    Es grüßt aus dem Süden

    Martin

    • svanadis

      svanadis

      Lieber Martin, DIR glaub‘ ich das auf’s Wort! 🙂

  3. Ich muss unbedingt demnächst den Käse des Schweigens über etwas breiten. Das ist grandios! Auf den Trick mit dem Ananasscheibendritteln für Toast Hawaii bin ich ganz ohne Puddingabitur in Studienzeiten gekommen, weil die drei Scheiben in der kleinen Dose zu wenig und die in der großen Dose zu viel waren.
    Und das Oblatenspalten würde ich übernehmen, wenn ich mit Oblaten backen täte. So kleben sie bestimmt nicht so unangenehm am Gaumen 😀

    • svanadis

      svanadis

      Ey! Die hätten dich sofort zur Ehren-Maid erklärt, da in Wölti! 🙂

  4. Matthias

    Matthias

    Schade, dass es bei uns keine Makronen gibt, sonst würde ich die Obladenspaltung mal vorschlagen. Aber die gedreiviertelte Ananasscheibe ist doch eigentlich eine geniale Idee und ein Grund mal wieder Toast Hawaii zu machen. Mal schauen, ob jemand was merkt 😉
    Und Fähigkeiten wie das Schuhe-Putzen erleben ja derzeit ein Revival….so mit Schuhputz-Seminaren und Schuhcreme-Vergleichstests und so. Vielleicht hätten die in Wölti nur noch ein paar Jahre länger durchhalten müssen. Und die Zielgruppe wechseln 🙂

    • svanadis

      svanadis

      Na, dann viel Spaß beim „Toast Wölti“-Basteln! Halt mich mal auf dem Laufenden, ob du mit dem Spartrick durchgekommen bist…! 😀

  5. So eine Hauswirtschaftslehre hatte unsere Schule auch im Angebot. Und ich hatte ernsthaft erwogen, dieses wahrzunehmen; offerierte sich doch vordergründig ein interessantes Angebot: Küche und vorrangig von Mädchen umgeben.

    Wenn da nicht einerseits die „Frau K“ gewesen wäre und andererseits die drohkulissengleiche Armada von Schulnähmaschinen mir das Vertrauen in meine technische Fertigkeiten auf einen sehr demütigen Stand stutzte.

    Landsmannschaftlich bedingt ist der Quell des hiesigen „sparsamen Wirtschaftens“ jedoch nicht das „Wölti“, sondern hier beruft man sich üblicherweise auf „Luise Haarer„.

    • svanadis

      svanadis

      Klingt aber ganz so, als hätte sie sich in Wölti pudelwohl gefühlt, die Dame! In einer der „Schwestern-Schulen“ zu Wölti – der Reifensteiner Verband hatte mehrere Einrichtungen – soll es der Überlieferung nach übrigens auch mal einen männlichen Schüler gegeben haben. Rüdiger, die Ober-Maid… 😉

  6. Hach, noch jemand mit „Puddingabitur“; so hießen bei uns die Damen, die u.a. mit dem Fach Hauswirtschaftslehre ihr Abitur gemacht haben oder die, wie ich und Du, nach dem Abitur in einem Crashkurs zur „Frau an seiner Seite“ ausgebildet wurden.
    Da habe ich übrigens auch gelernt, in der Mitte durchgelegene Bettlaken in eben jener durch zutrennen und die bisherigen Außenseiten wieder zusammenzunähen, theoretisch. Praktisch scheiterte es daran, dass ich von zu Hause kein durchgelegenes Bettlaken mitbringen konnte, was ein sehr schlechtes Licht auf die Sparsamkeit meiner Mutter warf.

    • svanadis

      svanadis

      Ha! Die Geschichte liest sich wie original aus Wölti – genial! 😀 Und so’n Laken könnte ich hier wohl auftun … aber ist das nicht schrecklich ungemütlich, so mit der Naht in der Mitte???

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