Skip to content →

Pochierter Lachs, Beurre blanc und frisches Lesefutter

Schreib einen starken Einstieg, und du hast mich. Frances Greenslade hatte mich ab Satz sechs ihres Romans „Der Duft des Regens“. „Wir haben nicht versucht, unsere Mutter zu finden“, schreibt sie. „Sie war fort, wie eine Katze, die eines Abends durch die Hintertür verschwindet und nicht mehr wiederkommt, und du weißt nicht, ob ein Kojote sie sich geschnappt hat oder ein Raubvogel oder ob sie krank geworden ist und es nicht mehr nach Hause geschafft hat.“

pochierter_lachs_beurre_blanc

Frances Greenslades Buch ist für mich eine der faszinierendsten Lese-Entdeckungen der vergangenen Monate. Sie erzählt darin die Geschichte der Schwestern Jenny und Maggie, und die ist genauso verstörend, wie es Satz sechs und sieben vermuten lassen, aber auch wild und wunderbar. So wie die Kindheit der beiden Schwestern in den Wäldern British Columbias. Das Ende dieser nicht unbedingt materiell reichen, aber erfüllten Kindheit markiert ein gemeinsames Essen, einfach, bodenständig, unvergessen. „Immer wieder habe ich von dieser Mahlzeit geträumt“, lässt Frances Greenslade ihre Ich-Erzählerin Maggie sagen, „den knackigen grünen Bohnen, dem salzigen, fettigen Lachs und den süßen kleinen Kartoffeln mit der geschmolzenen Butter darauf. Meine Grandma hatte immer noch einmal die Wildblumen vom Potato Mountain sehen wollen, und ich wollte noch einmal diese schlichte Mahlzeit erleben, mit meiner Mutter und meiner Schwester an einem Tisch.“

Maggie ist die jüngere der zwei Schwestern, eine „Sorgensucherin“, die die Ängste um ihre Lieben nicht ausbremsen kann, obwohl ihr klar ist, dass diese genau gar nichts nützen. Im Gegenteil: Lange Zeit fürchtet sie, die Schicksalsschläge, die ihre Familie treffen, „herbeigesorgt“ zu haben. Dinge, die ihnen, so denkt sie, nie hätten passieren dürfen. Sie sind schließlich eine ganz normale Familie, Ende der 1960er Jahre inmitten der Schönheit der kanadischen Wildnis. „Unsere Tage bestanden aus Flussufern und Schotterstraßen, Fahrrädern und Grashüpfern“, erzählt Maggie. „Aber sobald du Gedanken spinnst, öffnest du eine Tür. Du lockst die Tragödie an.“

Schon der Unfall, bei dem der Vater ums Leben kommt, passt nicht in Maggies Weltbild – hej, sein Spitzname war schließlich nicht umsonst „Mister Sicherheit“! Dann kommt den beiden Schwestern auch noch die Mutter abhanden, die wunderbare Mutter, die Dächer decken, Hirsch-Eintopf kochen, Katzen retten kann und sich noch nicht einmal vor Bären fürchtet. Unversehens finden sich die Mädchen allein wieder, auf sich selbst gestellt, bei einer fremden Familie, an einem unbekannten Ort. Und Maggie ahnt: Unglücke kommen immer im Dreier-Pack…

„Der Duft des Regens“ ist eine packende Familiengeschichte, traurig und tröstlich, voll bildgewaltiger Naturbeschreibungen. In unaufgeregtem Duktus und atmosphärisch dicht erzählt Frances Greenslade von Maggie, Jenny und ihrer Mutter Irene. Und stellt dabei gewisse Ansprüche an die Mutterrolle in Frage. Was darf ein Kind von seiner Mutter erwarten – wie viel Zuwendung, wie viel Begleitung ins Leben? Für wie lange ist eine Frau dem Mutter sein verpflichtet? Was ist mit ihrer eigenen Geschichte, ihrer Vergangenheit, ihren Zukunftsplänen? Und ist diejenige eine schlechtere Mutter, die ihren Kindern die ungeteilte Aufmerksamkeit nur für eine begrenzte Zeit geben kann oder mag? Um solche Fragen geht es unter der fesselnden Oberfläche dieses Romans, der nur gegen Ende ein paar Längen hat. Und für alle, die die Viecher genau so gern mögen wie ich: Ein kleines bisschen ist „Der Duft des Regens“ auch eine Katzengeschichte. Eine sogar, die gut ausgeht.

Was sonst noch bleibt, ist die Erinnerung an eine Mahlzeit am Familientisch. „An dem Abend kochte Mom ein paar von den wilden Kartoffeln und tat ein Stück Butter und Pfeffer und Salz darauf“, lässt Frances Greenslade Maggie erzählen. „Wir aßen sie zusammen mit dem eingemachten Lachs, den jemand mitgebracht hatte, und den ersten grünen Bohnen aus Glennas Garten.“

Ich habe das Lachsfilet pochiert – in der Vermutung, dass diese Zubereitung dem eingemachten Lachs am nächsten kommt. Ich habe ihn in einem Sud aus 300 ml trockenem Weißwein, 3 gehackten Schalotten, ein paar Stängeln Petersilie, einem Lorbeerblatt, zwei Nelken, einigen Pfefferkörnern und etwas Salz zirka 6 Minuten gar ziehen lassen. Und weil sich der Sud geradezu anbietet, um aus ihm eine Beurre blanc zu basteln, habe ich das Roman-Rezept in dieser Hinsicht abgewandelt. Ich habe den Sud also, nachdem ich den Fisch warmgestellt hatte, durch ein Sieb gegeben und ihn um zwei Esslöffel Weißweinessig ergänzt, ehe ich die Flüssigkeit auf eine Menge von etwa zwei Esslöffeln eingekocht habe. Diesen Rest-Sud habe ich dann mit zirka 100 Gramm kalter Butter zur Beurre blanc montiert und sie mit Salz und weißem Pfeffer nachgewürzt. Dazu hätten natürlich – wenn schon nicht die von Indianerin Agnes vom Potato Mountain mitgebrachten Erdkartoffeln – perfekt kleine, frisch aufgegrabene Kartoffeln aus dem Garten meiner Mutter gepasst. Dafür hätte ich mit dem Essen allerdings noch ein paar Monate warten müssen. Mein Magen war schwer dagegen – keine Chance!

Erschienen ist Frances Greenslades Roman „Der Duft des Regens“ ursprünglich bei mare, das Taschenbuch ist im insel-Verlag herausgekommen. Und dies ist ein Beitrag zum unstillbaren bibliophil-kulinarischen Event „Lesehunger“ , dem Shermin in ihrem „Magischen Kessel“ ein dauerhaftes Domizil gewährt.

Published in Uncategorized

2 Comments

  1. Liebe Barbara – puh, gut, dass ich gerade schon gegessen habe. Buch und Gericht hören sich wirklich wunderbar an. Und ich glaube, ich weiß auch schon jemanden, dem ich dieses Buch schenken könnte.
    Liebe Grüße & toll, dass du wieder beim Lesehunger dabei warst,

    Shermin

    • svanadis

      svanadis

      Hat mir viel Spaß gemacht, liebe Shermin! Ich hab‘ den „Duft des Regens“ übrigens auch jetzt schon mehrfach verschenkt und viele positive Rückmeldungen erhalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *