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Sonntags in Detmold

Sonntags geht Detmold spazieren. Mögen die Menschen anderswo joggen oder radeln – Detmold spaziert. Die eine Hälfte  geht ums Freilichtmuseum, die andere um den Flugplatz. Theoretisch wäre es also möglich, liefen wir an einem Sonntag beide Runden, ganz Detmold zu begegnen. Gefühlt ist das schon auf einer der beiden Routen der Fall – so oft, wie wir grüßen, stehen bleiben, ein paar Worte wechseln.

Lippische Wahrzeichen: (ein Hauch von) Hermannsdenkmal und Bielstein-Sender.
Lippische Wahrzeichen: Hermannsdenkmal und Bielstein-Sender.

Die Flugplatzrunde ist die lässigere dieser beiden Hauptverkehrsstrecken, für uns sowieso, weil sie praktisch direkt vor der Haustür losgeht. Aber auch, weil sie durch die weniger geschniegelte Gegend führt. Außerdem ist sie kürzer und hat weniger Steigungen – mal abgesehen von diesem zähen, lang gestreckten Anstieg gleich zu Beginn. Später lässt sich nur noch der Aussichtshügel erklimmen, was sich inzwischen nicht mehr übermäßig lohnt, weil der Ausblick längst nicht mehr so urig ausfällt wie noch vor wenigen Jahren, als dort die wilde Brache wucherte. Ein riesiger Abenteuerspielplatz, auf dem wir bei den Detmolder Straßentheater-Festivals einem skurril-unheimlichen Partisanen-Hirten folgten oder in einem inszenierten Flüchtlings-Camp auf rostigen Blecheimern am Feuer hockten. Auch die Betonröhren mit dem verblichenen Schriftzug „Life is beautiful“ mussten weichen – zugunsten des frisch angelegten Areals, das aktuell in einem besonders trostlosen Übergangsstadium dümpelt. Nicht, dass das Industriegebiet, zu dem es sich irgendwann mausern soll, schönere Aussichten verspräche. Once ago life here was beautiful.

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Bei der Museumsrunde geht es quer durchs Städtchen, die Promenade am Wall entlang, und spätestens auf der Allee sind wir mitten drin in der Rush Hour. Hier, flankiert von den prachtvollen Villen auf der einen und dem ehrwürdigen Palais, in dem die Musikhochschule residiert auf der anderen Seite, jenseits des Friedrichstaler Kanals, defilieren Menschenmengen in beide Richtungen. Familien mit Kindern in Buggys und auf Laufrädern sind unterwegs, Hunderundengänger, alte Leute aus dem Seniorenheim, das sein Domizil in einer der Villen mit den verspielten Erkern und Türmchen hat, mal freihändig, mal mit Rollator, und ihre dick in Decken verpackten Mitbewohner, die von Rollstuhl-Piloten chauffiert werden.

Die "Obere Mühle".
Die „Obere Mühle“.

An der „Oberen Mühle“ trennen sich die Wege. Umkehren, Rast machen – mit Bier in der Gaststätte oder ohne auf den Ruhebänken am Teich -, Richtung Schanze abbiegen: Hier gibt’s viele Optionen. Entschlossene Sonntagsspazierer überqueren die Straße nach links und begeben sich auf die Runde ums Freilichtmuseum. Rechts oder links rum? Reine Gefühlssache.

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Wir gehen rechts rum. Wenn der erste Aufstieg geschafft ist, wenn links die Museums-Esel neugierig an den Zaun kommen und die Höhe der Kappenwindmühle erreicht ist, öffnet sich der Blick auf sachte abfallende Wiesen und Felder zum Königsberg hinüber. Von der Bank aus, die ab mittags verlässlich Sonne hat, lässt sich dieser Ausblick besonders gut genießen. Ist sie besetzt – das kommt vor, sie ist beliebt – spielt das keine Rolle. Es folgen noch mehr Bänke. Und Blicke.

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Bergauf und bergab führt der Weg, Heiligenkirchen und Berlebeck lassen sich von fern betrachten, die Straße zum Vogelpark und weiter zum Hermannsdenkmal schlängelt sich in der Ferne tief in den Wald hinein. Und dann geht es um die Kurve, und vor uns breitet sich die Landschaft Richtung Hornoldendorf aus. Ihre sanften Schwünge mit der Toskana zu vergleichen, ist vielleicht ein My zu hoch gegriffen. Dennoch: Die Weite und das harmonische Auf und Ab der Wiesen und Felder bis zum Waldsaum am Horizont lassen dir das Herz aufgehen.

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Zwei Tage im Winterhalbjahr, der Hochsaison der Detmolder Sonntagsspaziergänger, sind übrigens regelrecht magisch. Der erste Weihnachtstag, wenn eine zutiefst feierliche, friedliche Stimmung die Luft erfüllt und die Mienen der Weggefährten hell macht. Und jener Sonntag, an dem der Frühling in Form der ersten, noch blassen Sonnenstrahlen seine „Save the date“-Kärtchen verteilt, und – den bitterkalt wehenden Wind auf den Höhen mal beiseite – in den Gesichtern der Spaziergänger die Frühlingsahnung aufleuchtet.

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2 Comments

  1. Danke, Barbara, für diesen stimmigen Spaziergang rund um Detmold!

    «Once ago life here was beautiful» – diese Aussage ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit und zeugt von Wehmut und Vergänglichkeit. Nicht immer ist das, was auf Gewesenes, Geliebtes folgt, besser. Aber ohne Veränderung bleiben wir stehen.
    «Nichts bleibt, wie es ist, selbst die Natur wechselt immer wieder ihre Formen» (frei nach Marcus Aurelius).
    In diesem Sinne und mit besten Grüssen aus Fernost, wo sich auch dauernd etwas verändert (nicht immer zum Besseren!),
    FEL!X

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Lieber Felix,

      generell hast du natürlich vollkommen Recht. Aber diese Wildbrache war der ultimative Schauplatz für total abgefahrene, anarchisch-kreative Produktionen diverser Straßentheatergruppen, einen Ersatz gibt es in der Form nicht. Und dass an dieser Stelle jetzt ein ödes Industriegebiet entsteht, finde ich einfach jammerschade – und, ja: Das sehe ich tatsächlich mit Wehmut. *sniff* Sonst bin ich aber gar nicht so eine Forschrittsfeindin… 🙂

      Herzliche Grüße an dich in die Ferne!

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