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Out of Müssen: Soulfood-Eintopf aus „Lippischer Ananas“

Willkommen bei den Anti-Anonymen Landeiern: Ich heiße Barbara und bin aus Müssen. In dem Dorf mit dem ulkigen Namen bin ich aufgewachsen. Einmal Müssen, immer Müssen: Wenn ich heute dorthin komme, wissen sie natürlich noch, wer ich bin und wohin ich gehöre. Wo sie mich „hinstecken“ müssen, wie sie in Müssen sagen würden. Heute zeige ich euch, was mein „Soulfood“ war – wir hätten wohl „Leibgericht“ gesagt -, als ich noch in Müssen lebte.

steckruebeneintopf
Müssen: gut 3000 Einwohner, damals sicher deutlich weniger. Selbst wenn man „die Siedlung“ mitrechnete, die für uns, meine Schwestern und mich, mit ihren Zäunen und Zierteichen allerdings schon eine ziemlich fremde Welt war. Für uns zählten der alte Ortskern mit Schule, Sportplatz, Bäckerei und Kirche und vor allem natürlich der Mini-Ortsteil Hüntrup mit seinen geschätzten 40 Bewohnern. Dort liegt der Hof, auf dem wir aufgewachsen sind. Großzügige Eltern, ein Haus voll Musik, die besten Freundinnen auf dem Nachbarhof und ein Abenteuerspielplatz mit Ponys, Heuboden, Kiesgruben und Wäldchen um uns herum. Nostalgisch verklärter Kindheitstraum? Nö, war so.

Aus Müssen zu kommen und im Dunstkreis des Dorfes zu leben – ich wohne so 10, 12 Kilometer entfernt in der Kreisstadt –  und meinen Nachnamen bei der Heirat behalten zu haben, heißt, dass ich im Alltag ziemlich viele Menschen treffe, die wissen, wo ich „wech“ komme.  Ja, das ist völlig korrekt. So heißt das hier. Und die Frage nach dem Heimatort lautet folgerichtig: „Wo kommst du wech?“

Aus Müssen zu sein, heißt zum Beispiel, dass ich beim Einkaufsbummel in der Stadt mit dem noch relativ frischgebackenen Liebsten auf ein Grüppchen resoluter Damen in den besten Jahren treffe, die mich überschwänglich begrüßen, auch dem ihnen unbekannten Mann an meiner Seite kräftig die Hand schütteln und sich vorstellen, kollektiv: „Wir sind aus Müssen.“ Mehr braucht es nicht. Das reicht – zum Einordnen, als General-Erklärung, zum Positionieren in der Welt. Zuweilen kann aus Müssen zu sein auch heißen, in der Redaktion von einem  99-jährigen Herrn angerufen zu werden, der im Pflegeheim in der Stadt lebt, sich aber als alter Müssener zu erkennen gibt – eine Behauptung, die er gleich durch einschlägiges „Namedropping“ untermauert. Und der mir erzählt, er habe anno tuck ja oft mit meinem Großvater geklönt. Meinem Großvater, der schon so lange tot ist, dass ich selbst ihn gar nicht mehr kennen gelernt habe. Fast schon grotesk, zu meinem – 82 Jahre alten – Vater sagen zu können: „Hej, ich hab‘ heute mit jemandem geredet, der deinen Vater gut gekannt hat.“

Der uralte Herr, die resoluten Ladies, die aktuellen und ehemaligen Bewohner, auch ich: Wir alle teilen Müssen als Heimatdorf. Und doch ist für jeden von uns Müssen eine andere, eine eigene Lebenswelt. Für mich war es damals – und das war sicher durchaus nicht allgemeingültig für jene Zeit – unter anderem eine weitgehend vegetarische Welt. Meine Mutter hatte schon Anfang der 1970er Jahre begonnen, vollwertig und überwiegend vegetarisch zu kochen. Oft – eine Konzession an die Männer vom Hof, die regelmäßig mit uns zu Mittag aßen und für die Fleisch essenzieller Bestandteil einer Mahlzeit war – mit einer Fleischbeilage als möglichem „Add-On“.  Genauso ist der Steckrübeneintopf zu sehen, den ich heute hier serviere. Ein echter „All Time Favourite“ aus der Kindheit, den ich bis heute ganz genauso koche. Sättigendes, günstiges, schnell und – damals im doppelten Wortsinne – immer unter Druck zubereitetes Essen (von meiner Mutter und ihrer explosiven Liebe zum Schnellkochtopf erzähle ich mal an anderer Stelle…  😉 ) mit lauter Gemüse, das kurz vor halb zwölf mittags noch ahnungslos im Garten vor sich hingeträumt hatte. Um Punkt zwölf stand es als dampfender Eintopf auf dem Tisch. Ein Eintopf aus „Lippischer Ananas“, wie die Steckrübe hier augenzwinkernd genannt wird, der für mich durch und durch nach Heimat schmeckt. Nach Müssen.

Übrigens: Müssen ist natürlich nicht einzigartig. Müssen steht als Beispiel für das Konzept Dorf, die überschaubare Welt, die „Jeder kennt jeden“-Erfahrung, die Menschen ein Fundament für’s Leben geben kann. Ein Konzept, dem mein Journalisten-Kollege und Zeitungs-Interviewpartner aus dem Mai, Michael Stührenberg, in seinem Buch „Das Dorf in deinem Kopf“ ein eindrückliches Denkmal gesetzt hat.

Das braucht ihr:

– 1 Zwiebel
– 1 Steckrübe – Größe angepasst an die Zahl der Mitesser
– etwa die gleiche (Gewichts-)Menge an Kartoffeln
– 1 Schuss Sonnenblumenöl
– 1 Schnapsglas voll Wasser
– 1 Schuss Sahne
– gekörnte Gemüsebrühe – selbst gemacht, wahlweise aus Reformhaus oder Bioladen
– Salz & Pfeffer
– Petersilie

Und das macht ihr:

Die Zwiebel schälen und würfeln. Steckrübe und Kartoffeln ebenfalls schälen und in grobe, etwa gleich große Würfel schneiden. Die Zwiebel in einem Schnellkochtopf im Öl glasig dünsten, das übrige Gemüse dazugeben, umrühren und kurz mitdünsten lassen. Dann das Wasser hinzugeben – wirklich nicht mehr als ein Schnapsglas voll, sonst wird der Eintopf zu suppig! – und den Deckel aufsetzen. Ab dem Punkt, an dem der Schnellkochtopf den Gar-Modus erreicht hat (bei uns muss der gelbe Ring am Ventil zu sehen sein) zwölf Minuten lang kochen lassen. Die Sahne zugeben, mit Brühe, Salz und Pfeffer würzen und mit gehackter Petersilie bestreuen.

Dies ist mein Beitrag zum Event „Vegetarisches Seelenfutter“, zu dem Sabine auf ihrem Blog „Schmeckt nach mehr“ einlädt. Weil ich weiß, dass Sabine nichts dagegen hat, wenn ich ins Erzählen komme, habe ich kein so ganz schlechtes Gewissen, weil das hier wieder mal ein veritabler Roman geworden ist. Und weil ihr Event explizit vegetarisch ausgelegt ist, spare ich mir das Foto der Kohlwürste, die sich – separat in der Pfanne gebraten – prima zum Eintopf servieren lassen.

Seelenfutter

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4 Comments

  1. Was für eine schöne Morgenlektüre, die ich da habe lesen müssen – ähh: dürfen – danke!
    Dorfidylle, die ich zwar nicht ganz so, aber auf eine andere, ebenfalls schöne Art erlebt habe.
    Allerdings kann ich sagen, dass in meinem Wahldomizil Pakwip in Thailand die Welt um Sechs und auch noch nach Sieben in Ordnung ist! Und wenn ich mir den Tag nach meinem Gusto einrichte, bleibt das so, bis zum nächsten Morgen!
    Mit besten Grüssen aus Fernost,
    FEL!X

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Lieber Felix, Müssen ist überall – ganz bestimmt auch in Thailand. Genieß deine Tage nach deinem Gusto! Und: Schön, dass das mit dem Kommentieren wieder klappt!

  2. Ganz genau – von Dir erzählt bekommen ist toll! Ein wunderbarer Beitrag, auch wenn ich selbst dem als eng empfundenen Kindheitsort schnell den Rücken gekehrt habe und mich seitdem als Großstadtmenschen definiere … Wobei unser Stadtteil auch viel von einem Dorf hat, wo man immer dieselben Leute trifft. Nur die Ländlichkeit fehlt, weshalb unsereins die Brennnesseln im Frühling für teures Geld auf dem Biomarkt kauft. 😉 Aber Steckrüben gibt’s da auch – was für ein Glück!

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Schön, dass dir der Beitrag gefällt! Und was du über euren Stadtteil schreibst, passt ja auch ins „Konzept Dorf“. Das erläutert der Autor in dem Buch, das ich verlinke, übrigens auch so: Es geht ihm durchaus um konkrete Dörfer, aber auch um überschaubare Einheiten mit vergleichbaren Strukturen – und um „Das Dorf in deinem Kopf“. Durchwoben sind seine Reportagen aus aller Welt (damit verdient er sein Geld) mit Briefen voller Erinnerungen und Zukunftsvisionen an seine in Paris aufgewachsenen Großstadt-Kinder – reizvoller Spannungsbogen! Ach, und: Brennnesseln auf dem Biomarkt kaufen? Tststsssss. Sag nächstes Frühjahr Bescheid, dann kriegst du ein dickes, fettes Care-Paket ganz für umsonst… 😀

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