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Whisky-Träume in Bahnhofs-Tristesse

Hauptbahnhof Hannover, halb drei in der Früh‘. Ein Mann mit Kehrmaschine spurt eine helle, im kalten Licht glänzende Bahn ins Schmuddel-Grau des Bodens. Eine Frau zerrt an einem Trolley, auf dem Pappkartons und Plastiktüten zu einem Gebirge von zweifelhafter Statik getürmt sind. In der Billig-Bäckerei schlummern bleiche Teiglinge ihrer Brötchenwerdung entgegen. Und ich, ich hätte jetzt gern einen Whisky.

Es wäre der sechste in 24 Stunden. Der sechste, seit wir gestern vor Tau und Tag das Haus verlassen haben, um 600 Kilometer gen Süden zu reisen. Frösteln auf dem Bahnsteig vor der Abfahrt in Bielefeld, Sturzregen beim Umsteigen in Frankfurt und strahlender Sonnenschein bei unserer Ankunft in München. Ein kurzer Spaziergang, und wir sind in Shane’s Restaurant, wo uns ein nachmittägliches Fünf-Gang-Barbecue-Menü erwartet. Die Speisefolge, die Shane McMahon im Vorfeld angekündigt hat, klingt großartig. Dennoch hätte dieses Menü die gut siebenstündige Anreise wohl nicht gerechtfertigt – wäre da nicht die außergewöhnliche Getränke-Begleitung: Statt Wein wird zu jedem Gang der passende Single Malt serviert. Vielmehr wird er vor jedem Gang gereicht. Und Whisky-Gourmet Ede Martin, Inhaber des wohl ältesten Irish Pub in Deutschland, dem „Irish Folk Pub“ in München, erzählt Single Malt Stories dazu.

whisky

Zuweilen liest er auch vor aus Alfred Barnards Reisebericht „Die Whiskybrennereien des Vereinigten Königreichs“ aus dem Jahr 1886. Barnard beschreibt die schroffe Landschaft der schottischen Highlands – dort her und aus der Speyside-Region stammen die Whiskys des heutigen Nachmittags. Torf-Geruch scheint sich auszubreiten auf der Restaurant-Terrasse und mischt sich mit den Aromen, die die Whiskys verströmen. Und manchmal geht’s auch ein bisschen durcheinander. Hat der Dalmore „King Alexander III“ nicht eine deutlich rauchige Note? Nee, kann eigentlich nicht sein, oder? Konzentriertes Schnüffeln allenthalben. Nein, doch nicht, da haben die rauchigen Düfte, die vom Grill herüber wehen, der Nase einen Streich gespielt. Beim ersten Schluck kommt dann vor allem das karamellige Aroma von King Alexander durch.

Dazu gibt’s weißen und grünen Spargel mit Krustentier-Hollandaise. Anschließend führt ein 20 Jahre alter Balblair, dem man das „Rum Cask“ deutlich anschmeckt, American Hanging Tender auf Süßkartoffel-Sticks mit hausgemachter BBQ-Sauce zu Tisch. Die rosa gebratene Entenbrust auf „spicy“ Glasnudelsalat erscheint in Begleitung eines 21-jährigen Herrn namens Glendronach „Parliament“ mit Sherry-Aroma. Geschmacklich gipfelt das Menü in Medaillons vom Neuseeländer Hirschkalb auf zweierlei gegrillten Auberginen mit Yuzu-Jus. Starker Partner zu diesem Gang: ein 28 Jahre alter Dailuaine. Ein Caperdonich 1992/12 mit Frucht-Aroma rundet schließlich das Dessert aus eingelegten Kirschen und Pflaumen samt Süßholzeis ab.

Nach gut vier Stunden sind wir kein bisschen angeschickert, aber glücklich und satt – vom Essen und von den vielen Eindrücken. Sich auf jeden Whisky und jeden Gang in ihrer geschmacklichen Vielschichtigkeit bewusst einzulassen, erfordert ungeheure Konzentration. Wir verabschieden uns, ernten ungläubige Blicke unserer sympathischen Tischgenossen auf die Ansage, dass wir noch rasch zurück nach Detmold müssen, und spazieren gen Bahnhof.

Die Rückreise ist … ermüdend. In Hannover schließlich, das heimische Bett ist noch an die zwei Stunden entfernt, rangiert uns die Frau ihr vor Kartons und Tüten überquellendes Gefährt vor die Füße. Darauf aufpassen sollen wir, während sie mit der Bedienung am Kaffeestand plaudert, wo der Latte Macchiato – wir haben ihn leider probiert – nach angesäuerter Milch schmeckt. Mein Blick wandert vom fremden Gepäck-Gebirge zu den blassen Brötchen-Prototypen in der Bäckerei-Filiale, die auf einmal verblüffend tröstlich wirken. „Schon klar, wir sind Billigware, kein Edelgebäck“, scheinen sie zu sagen. „Aber nach ofenfrischen Brötchen werden wir trotzdem duften. Ganz bald.“ Stimmt. Fast kann ich’s schon riechen.

PS:   Danke an Bushi für den tollen Tip & die schnelle Event-Info!
PPS: Als wir in München waren, habe ich noch nicht gebloggt. Das Foto ist also nachträglich entstanden und zeigt keinen der im Text erwähnten Whiskys, aber zumindest einen aus einer der erwähnten Brennereien.  😉

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2 Comments

  1. Marianne Schwarzer

    Marianne Schwarzer

    Habe heute nachmittag den Text schon einmal mit Genuss gelesen, sozusagen als Erholungspause bei der Arbeit. Heute abend habe ich ihn dann dem Liebsten vorgelesen, mit dem Rücken zum Kaminfeuer, das Laptop auf den Knien. Whisky habe ich dazu nicht getrunken, aber es kam mir so vor, als ob. Sehr, sehr schön erzählt, die kulinarischen Genüsse wohl dosiert, und ausgesprochen malerisch eingebettet, in diesen stimmungsvollen Rahmen. Ein Lesegenuss vorm Schlafengehen, vielen Dank

    Marianne

    • svanadis

      svanadis

      Meine Liebe, so schön, dass du es nachempfinden kannst! Und wenn ihr mal zu Shane McMahon reisen mögt, sagt Bescheid!

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