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Zeitreise mit Retro-Souvenirs und Kartoffelsuppe

„Richtige Häuser müssen wachsen,
nicht nur Stein neben Stein, Stein auf Stein.
Richtige Häuser sind aus Menschen gebaut,
und die, die früher da gewohnt haben, und die, die jetzt da wohnen,
sind wichtig für die, die später da wohnen werden.
Nicht nur wegen der neuen Steigleitungen, die sie legen lassen.
Häuser ohne Erinnerungen sind nicht viel Wert.“

Christine Nöstlinger

souvenirs_obstbesteck
Das war Liebe auf den ersten Blick: Dieses Zitat der von mir überaus geschätzten Kinder- und Jugendbuchautorin Christine Nöstlinger habe ich in einem ihrer Romane entdeckt, als wahr und großartig eingestuft, nie wieder vergessen – und niemals wiedergefunden. Ich habe gesucht, geblättert, gegoogelt, aber bis heute habe ich keine Ahnung, in welchem ihrer Bücher dieser Satz in welchem Zusammenhang fällt. (Tipps, anyone? Immer her damit!) Zu meinem Glück hat es die Natur so eingerichtet, das ich Texte, die mir gefallen, nur ein, zwei Mal lesen muss, damit  sie für alle Zeiten gespeichert sind. Und dieses Zitat gefällt mir nach wie vor ausnehmend gut.

Wunderlich fand ich allerdings, dass es mir als allererstes in den Sinn kam, als ich von Bushis Blogevent „Souvenirs in der Küche“ las. Denn da geht’s ums Reisen. Ein Thema, das einem Loblied auf Heim & Herd, über Generationen hinweg gewachsen, ja zunächst einmal diametral entgegengesetzt zu sein scheint. Ganz doofe Idee also. Oder? Schnell ergab der Geistesblitz dann doch Sinn. Ich stellte fest: Zwar kommen die kunstvoll geschnitzten Holzstäbchen, ein Mitbringsel aus Thailand, bei uns stets auf den Tisch, wenn wir asiatisch speisen. Regelmäßig kochen wir beispielsweise auch mit dem Gewürztraminer, den wir aus dem Elsass mitgebracht haben. Aber: Die Souvenirs, die ich am häufigsten in der Küche im Einsatz habe, stammen nicht von Spritztouren durch die Weltgeschichte, sondern von einer Reise durch die Zeit.

Wir leben im Elternhaus des Liebsten. Anfang der 1960er Jahre haben seine Eltern das Haus gebaut – da war ich noch nicht auf der Welt. Ich bin gut 50 Jahre später hier eingezogen – da lebten meine Schwiegereltern wiederum schon lange nicht mehr. Ich mag das Haus mit seinen Schrullen und Eigenarten sehr. Den eigenwilligen Grundriss, die aufwändige und im Renovierungsfalle grenz-ruinöse Dach- und Gaubengestaltung, die großen Fensterfronten zum Garten, das „Derrick“-reife Treppenhaus, von dem ein Kollege gern sagt, es sehe aus, als müsse jeden Moment Elisabeth Flickenschildt die Stufen herab schreiten und beteuern: „Herr Kommissar, mein Sohn war die ganze Nacht zu Hause…“  🙂

Verlässlichste Zeugen des halben Jahrhunderts Leben, das hier im Haus ohne mich (!!!  😉 )  über die Bühne gegangen ist, sind neben den nicht eben generös geteilten Erzählungen des Liebsten die Schätzchen aus jenen Jahrzehnten, die sich in Schränken, Schubladen, Kellern und Kabuffs angesammelt haben. Na klar, darunter war auch viel Gerümpel – das wir mittlerweile zum Glück entsorgt haben. Das, was die Entrümpelungswellen überdauert hat, entdecke ich allerdings mehr und mehr als urige Requisiten-Sammlung für meine Foodfotos. Teller und Schalen in unterschiedlichsten Designs, die hübschen Obstbestecke mit dem blauen Griff, die ich erst vor kurzem ausgegraben habe und die ihr oben im Bild seht – all dies und viele weitere Accessoires lassen sich im hauseigenen Fundus heben. Lauter Stücke, die mir, versetzt mit einem Schuss Fantasie, von einem fremden Leben an diesem mittlerweile so vertrauten Ort erzählen. Von Sherry-Runden im Wintergarten. Tanzgesellschaften, zu denen das Wohnzimmer – leer geräumt, mit aufgerolltem Teppich und auf dem Teewagen in der Ecke eine so süffig wie hochprozentig gefüllte Bowlenschale – für einen Abend zum großen Parkett wurde. Aber auch von der unspektakulären Suppenmahlzeit, am Küchentisch ausgelöffelt, während die Gedanken sich um Alltagsfreuden und -sorgen drehten. Souvenirs einer Reise in ein Land vor meiner Zeit.

souvenirs_tassenparade
Diesmal fiel mir die Kollektion an Sammeltassen in den Blick, seinerzeit der Stolz jeder Hausfrau. Nicht hübsch im absoluten Sinne, aber doch charmant in ihrer eigenwilligen Zusammensetzung. Ob seine Mutter Tee oder Kaffee darin zu servieren pflegte, zu welchen Anlässen sie überhaupt auf den Tisch kamen – der Liebste erinnert sich leider nicht. (Allerdings weiß er davon zu berichten, dass er bereits im zarten Grundschulalter für seine Mutter und ihre Freundinnen eigenhändig Toast Hawaii zubereitet habe. Aber das ist eine andere Geschichte und soll zu einem anderen Zeitpunkt erzählt werden.) Ich habe mir also überlegt, eine Speise in den Tassen anzurichten, die meine Schwiegermutter garantiert niemals darin serviert hat. Und die andererseits so retro daherkommt wie die Tassen selbst: die gute, alte Kartoffelsuppe.

Dafür braucht ihr:

750 g Kartoffeln
2 Zwiebeln
1 Möhre
1 Stange Porree
1 Stück Sellerie
1 guter Stich Butterschmalz
1 Liter Gemüsefond
2 EL Crème fraîche
Salz und Pfeffer

Und das macht ihr:

Kartoffeln schälen und in kleine Stücke schneiden. Die Zwiebeln abziehen, Sellerie schälen und beides würfen. Lauch und Möhren putzen und in Ringe schneiden. Das Butterschmalz in einem großen Topf erhitzen und das Gemüse darin ein paar Minuten lang dünsten. Die Kartoffeln zugeben, mit dem Fond aufgießen und kochen lassen, bis alles weich ist. Die Suppe pürieren, Crème fraîche unterziehen und mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Wie immer kommt das Beste zum Schluss: die Toppings. Und die dürfen durchaus variantenreich, bei einem Fest auch gern in Buffet-Form daherkommen, so dass sich jeder seine Wunsch-Kombi zusammenstellen kann.

Mit scharfer Chorizo und Petersilie zum Beispiel.

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Mit Forellenkaviar, Crème fraîche und Schnittlauch.

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Mit gebratenen Champignons.

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Mit gebratenem Speck und Petersilie.

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Oder auch mit Feta und Salbei.

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Paprika und Chili-Öl könnte ich mir ebenfalls gut als Einlage vorstellen. Oder Rote Bete und ein Wachtelspiegelei. Und natürlich die unübertroffenen „Krachelscher“. Die Kartoffelsuppe macht alles mit – und zwar nicht bloß klaglos, sondern begeistert. Probiert’s aus!

Liebe Dorothée, mit diesem Beitrag gratuliere ich dir ganz herzlich zum vierten Geburtstag von Bushcooks Kitchen! Dein Blog ist eines der ersten Foodblogs, die ich regelmäßig verfolgt habe, das stets Anregungen und Impulse parat hält und das immer gut spiegelt, was dich auf kulinarischem Gebiet gerade umtreibt. Zurzeit verfolge ich mal wieder sehr gespannt, in welche Richtung sich deine Interessen entwickeln. Sei dir sicher: Ich bleibe dran.

Und solltest du der Meinung sein, dass ich dein Event-Thema „Souvenirs in der Küche“ allzu frei ausgelegt habe, dann nehme ich gern außer Konkurrenz teil. Alles Liebe für dich!

4. Geburtstags-Blog-Event - Souvenirs in der Küche

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11 Comments

  1. Hallo Barbara, ich glaube ich habe ein Dejavu, denn auch wir haben auf dem Dachboden Sammeltassen und ein paar Porzellankaffeekanne gefunden. Ich nutze die Tassen aktuell zur Aussaat von Kresse. Jede Tasse ist genau eine Portion auf das frisch zubereitete Brot und unter der Woche kann diese wachsen.
    Schöner Bericht.
    Grüße,
    Alexandra

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Merci! Hach, Kresse stelle ich mir ja auch richtig schön vor in so nostalgischen Tassen. Und das mit der Portion ist ja witzig: Was gibt’s zum Frühstück? Eine Tasse Kresse. 😀 Hast du deine Kresse-Tassen auch verbloggt? Ich gleich mal schauen…

      • Nein, noch nicht. Aber ich sollte es wohl nachholen. Danke für den Tipp. Freue mich aber trotzdem über Deinen Besuch.

  2. Ein wunderbarer Beitrag, und so tolle Fotos! Die Sammeltassen-zu-Suppentassen-Idee finde ich großartig. Aber vor allem nehme ich die Wendung „nicht hübsch im absoluten Sinne“ mit – die gefällt mir sehr. 🙂

    Ich hänge auch sehr an ein paar Geschirr-Erbstücken, und ich freue mich jedes Mal, wenn ich sie benutze. Sie geben mir das Gefühl, in einer Tradition zu stehen, quasi geschichtlich beheimatet zu sein – wenn ich mich schon räumlich eher weit von meinen Wurzeln wegbewegt habe.

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Danke dir! Das mit dem Traditions-Feeling bei dir kann ich sehr gut nachvollziehen.

      Mit schönem Geschirr hat man mich ja immer ganz schnell am Haken – aber diese Tassen sind eben doch eher schrullig als schön. Andererseits: Sammelsuppentassen hat schließlich nicht jeder… 😀

  3. Wichtualia

    Wichtualia

    Eine schöne Reise durch Raum und Zeit, liebe Barbara. Leider wurden von meinem Bruder samt Ehefrau viele Dinge achtlos entsorgt, als sie die Wohnung meiner Mutter räumten. Alles was für die Beiden keinen direkten materiellen Wert hatte. Auch Sammeltassen waren darunter. Ich hätte diese gerne behalten. Dann könnte ich nun ebenfalls Kartoffelsuppe den ungläubig schauenden Gästen servieren. 😀

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Ach, liebe Viki (habe ich kürzlich gelernt 🙂 ), das tut mir Leid! Ich hoffe ganz, ganz doll, dass du noch eine Menge Erinnerungen an deine Mutter präsent hast, die nicht von einem Bruder samt Gattin achtlos entsorgt werden konnten. Ich hab‘ drei Schwestern. Und hoffe, dass wir das in einem hoffentlich ganz, ganz, ganz fernen Moment – wenn es denn wirklich nicht anders geht – einvernehmlich regeln können.

  4. Ups….da wurde eben mein Kommentar verschluckt….die Weiten des Internets….
    Was ich sagen wollte: das ist einfach nur toll! Danke für die schöne Geschichte und die in den Tassen so hübsch angerichteten Suppen.

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Bitte, gerne! Und ein Dankeschön retour! Freut mich, dass dir beides gefällt. 🙂

  5. Liebe Barbara,
    da verdrücke ich gleich ein Tränchen der Rührung, weil ich so gut verstehe, was Du meinst. Beim Lesen habe ich mich so gerne an Euer charmantes Haus erinnert und auch ich habe in meiner Küche ganz viele Dinge mit Erinnerung an einen lieben Menschen. Die Tasse meiner Oma mit der abgeschlagenen Ecke, die ich immer zum Reis abmessen nehme oder den Zierkorken meiner Großtante.
    Die Idee mit der Kartoffelsuppen-Variation in den hübschen Sammeltassen gefällt mir auch ausnehmend gut. Vielen Dank für Deinen schönen Beitrag.

    • Barbara Luetgebrune

      Barbara Luetgebrune

      Hach, da bin ich ja jetzt ein kleines bisschen erleichtert, dass dir der Beitrag gefällt. Und dass du nicht schreibst „Thema verfehlt“. 🙂 Danke dir für die tolle Event-Idee & schöne Feierei weiterhin!

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